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Reisenotizen zur USA-Reise vom 7.9. - 19.9.1995

Vorbemerkungen:

Diese Reisenotizen stellen, auch wenn sie zur Förderung der Lesbarkeit in Form und Stil aufbereitet wurden, keinen allgemeinen und umfassenden Reisebericht dar. Sie dienen lediglich dazu, mir in meinen Bemühungen zu helfen, die mannigfaltigen Eindrücke dieser Reise zu verarbeiten. In einigen Jahren mögen mir diese Blätter wohl auch Erinnerungsstütze sein, wenn ich die geschilderte Tour noch einmal auf meiner geistigen Bühne ablaufen lassen werde. Sowohl die Auswahl der geschilderten Erlebnisse als auch die Bewertung der geschilderten Situationen ist rein subjektiv und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Sollte sich jemand der in diesen Notizen vorkommenden Personen in der geschilderten Form als falsch dargestellt empfinden oder sollte jemand ein für ihn wichtiges Erlebnis vermissen: So habe ich die erwähnten Personen und Ereignisse aus meinem Blickwinkel gesehen - oder aufgrund meiner Sichtweise auch übersehen.

Sollte ich durch diese Art der Darstellungsweise die Erwartungshaltung von jemandem nicht erfüllen - er möge mir verzeihen! Dies sind meine persönlichen Reisenotizen. In ihnen spiegeln sich häufig auch meine Gefühle und Empfindungen wieder.

Ich erhebe keinerlei Vorbehalte gegen nicht-kommerzielles Kopieren und Weiterverbreiten dieses Textes, solange er nicht in Form und Inhalt verändert wird und solange diese Vorbemerkungen mit den Reisenotizen weitergegeben werden.

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Hach ja --- und wieder einmal habe ich die Gelegenheit nicht ungenutzt vorbeigehen lassen, um die Daseinsberechtigung jener Volksweisheit zu stützen, die da besagt, daß nichts so überholt ist, wie die Nachrichten von gestern... Nach Frankreich wolle ich? In die Bretagne, hätte ich gesagt? Jaaaaaa... schooon --- Aber das war doch gestern.   

Aber vielleicht erzähle ich doch besser der Reihe nach:

Noch gestern morgen, als ich ins Büro ging, war ich davon überzeugt, daß ich mich in diesem Jahr von all dem angesammelten Streß und den Ärgernissen des Alltags in der Bretagne erholen würde. Mit Meggi und "Agathe", unserem Moppet, wollte ich meinen diesjährigen Urlaub in der Bretagne zu verbringen und daselbst “leben, wie Gott in Frankreich”.

Inzwischen waren die Feinplanungen bereits so gut wie abgeschlossen: das zu mietende Haus in der Nähe von Quiberon war ausgesucht, die Anreiseroute und der Zeitplan genauestens ausgefeilt, die Finanzen geordnet (soweit das bei mir - mangels Liquidem - überhaupt möglich ist); kurzum, die Logistik war in sich schlüssig. ...Und dann kam er, der Kollege vom Büro gegenüber.

Ganz harmlos sah er aus, wie er da so im Türrahmen stand, mit einer Andeutung von Hilflosigkeit im Blick. Kein Anzeichen davon, daß er mir in wenigen Minuten alles so Wohlgeordnete und -geplante hoffnungslos durcheinander bringen würde. Ein DIN-A4-Blatt hielt er in der Hand. "Timmi, kannste bitte mal hier gucken, was Du davon hältst? Das ist ein Angebot für eine Kanadareise mit Wohnwagen, die mich vielleicht reizen könnte. --- Ach ja, hier habe ich noch ein Blatt. Weiß nicht genau, was das ist; aber weil da HARLEY draufstand, habe ich Dir das einfach mal mitgebracht. Vielleicht interessiert’s Dich ja?!? Darfste behalten."

Seine Kanadareise war schnell abgehandelt: "Spitze! Buch' man ruhig. So günstig kriegste das kaum wieder." Schon war er wieder draußen, und ich widmete mich dem Zettel mit dem Wort Harley drauf. ...Und das war’s dann. “Sonderprospekte anfordern” stand da. Also: Telefon ‘rangeholt, Nummer eingetippt, Hörer ans Ohr ...tüüüüüt...tüüüüüt... “Sport Schmitter - Sie wünschen?”

Ich hatte ein anregendes und fruchtbares Gespräch mit dem Veranstalter dieser Reise.

Innerhalb einer Stunde hatte ich mit Meggi, meiner Jattin, gesprochen, mir Frankreich aus dem Kopf geschlagen, den im Prospekt angebotenen Moppet-Typ von Heritage auf E-Glide getauscht ...und gebucht.

Ja, jetzt steht es fest: am 7. September geht es auf eine 11-tägige Tour (plus 1 Tag An- / 1 Tag Abreise) mit dem Moppet durch Amerika. Los Angeles, Mojave-Wüste, Grand Canyon, Las Vegas, Yosemite National Park, San Francisco...

Natürlich habe ich das Geld, welches dieser Urlaub mehr kostet als Frankreich, noch gar nicht. Natürlich habe ich die Planungsarbeiten von Wochen einfach so, mir nix - dir nix, über Bord geworfen. Natürlich habe ich meinen Freunden, Kollegen und Bekannten wieder 'mal bewiesen, was sie schon lange ahnten: wie chaotisch ich bin. Weiß ich ja alles. Aber wir freuen uns riiiiieeeeesig auf diesen Urlaub.

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Die Personen und ihre Darsteller:

Günter - Kommt schon ‘mal vom rechten Weg ab

Frank - Ich fahre lieber Auto

Erwin - Neben der Sequoia wirke ich ja richtig schlank

Mechtild - Der Finger in der Autotür

Michael - The Swinger

Stefan - Wo bleiben diese Schnarchtüten denn?

Monika - Wo gibt’s denn hier T-Shirts?

Josef - Das heimliche Grinsen

Marita - Ich fahre auch rückwärts

Hermann - Ich schneide sogar ‘ne Gerade

Elisabeth - Miss Elli

Martin - Der Pechvogel

Franz - Speedy

Ute - Der Kassenwart

 

Ort:

Amerika - oder genauer: Kalifornien, Arizona und Nevada.

 

Zeit:

Do, 7.9.95 bis Mi, 18.9.95

 

Gefahrene Strecke:

2283 Meilen oder ca. 3674 km

 

Womit?

 

Mit Harlies ...natürlich! (Man gönnt sich ja sonst nix.)

 

Spritverbrauch:

 

ca. 550 $ für 7 Moppets.

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Am Donnerstag, dem 7.9.95 ging es los. Pünktlich um 4:45 Uhr stand das bestellte Taxi vor der Tür, um uns, meine Jattin Meggi und mich, zum Flughafen Köln/Bonn zu schaukeln. Um 7 Uhr ging es “richtig” los; wir saßen in einem Airbus A300 und waren auf dem Weg nach Frankfurt. 11:20 Uhr ging’s dann endgültig nach USA. Die B747-400 hob pünktlich ab - Amerika, wir kommen...

Für die Statistiker, ganz Genauen oder einfach nur Spinner (so wie ich) hier noch ein paar begleitende Zahlen zum Flug: Die durchschnittliche Flughöhe betrug 36.500 Fuß (11.100 m); die Außentemperatur betrug im Mittel -55°C; die durchschnittliche Geschwindigkeit über Grund betrug 980 km/h. Die Reiseroute verlief über Großbritannien, Island, Grönland, Canada, San Francisco nach Los Angeles. Während des Fluges wurden die Filme “Während du schliefst” und “Spiel der Patrioten” gezeigt.

Der Zeitunterschied zwischen Köln und Los Angeles beträgt -9 Stunden, d.h., in LA ist es 9 Stunden früher als in Köln. Die Landung erfolgte um 12:40 Ortszeit, also nach 10 Stunden und 20 Minuten Flugzeit von Frankfurt aus. Die Temperatur betrug 23°C.

Jetzt standen wir also auf amerikanischem Boden. Meggi und ich zum ersten Mal. Für Hermann (“Ich bin Dressman bei der Wohlfahrt. Ich führe immer die Modelle aus den Kleidersäcken vor”) und seine Elisabeth sowie für Marita und Josef, Ute und Franz und schließlich Michael war es wohl ebenfalls eine Premiere. Stefan (“Ewing Oil”) und Monika waren bereits eine Woche vorher angereist, Günter machte diese Tour bereits zum zweiten Mal mit, diesmal als Tourguide. Und Martin war bereits intimer Amerikakenner, der uns mit seinen umfassenden Kenntnissen von Land, Sprache, kulinarischen sowie allgemeinen Besonderheiten stets eine große Hilfe war. Ich selbst habe besonders seinen Weinverstand zu schätzen gelernt.

Wir fuhren mit dem Shuttlebus ins Hotel Crowne Plaza Inn, wo wir unter der Dusche die Strapazen der langen Reise abspülten. Noch ein schnelles Bierchen an der Bar (Heineken; ich wollte ja nicht gleich in der ersten Stunde testen, ob das amerikanische Bier wirklich so schlimm ist wie sein Ruf.) - dann ging es los zur ersten Sightseeingtour nach Venice Beach, dem berühmten Strand von LA. Das bunte Durcheinander dort war wohl die beste Einstimmung, die wir nur bekommen konnten. Hier wurde uns praktisch demonstriert, daß es keine Verrücktheit gibt, die nicht sofort ein anderer versucht zu übertreffen. Ob es nun der Bursche war, der sich mit seiner (lebenden) Schlange um den Oberkörper fotografieren ließ. Oder der rastalockige Geselle mit seiner Gitarre, die er er elektronisch verzerrte Töne plärren ließ. Oder der Fahrradfahrer, der seinen Ghettoblaster mittels aufklappbarer Solarzellen, die er am Lenker befestigt hatte, lautstark in den akustischen Mittelpunkt zu bringen versuchte. Hier durfte jeder nach seiner Fasson leben und sich zur Schau stellen.

Hinter dem Sportcenter gab es einen Menschenauflauf. Ein Wagen mit Schwenkbühne war zu sehen. Darauf eine Filmkamera und riesige Beleuchtungskörper. Und am Strand sonnte er sich in den bewundernden Blicken und Zurufen: Hulk Hogan persönlich - life und in Farbe. Er drehte dort eine Folge seiner neuen Fernsehserie. Nebenan wurde für “Baywatch” gedreht.

Der eigentliche Renner jedoch waren ...T-Shirts in allen Farben, Größen, Variationen und Preisen, beginnend bei drei Stück für 9 Dollar. Da lohnt sich ja das Waschen kaum noch. Natürlich deckten wir uns selbst auch mit zwei bis drei Exemplaren ein, zumal es hier sogar einen Harley-Shop gab, der uns zünftigen Shirts als korrekten Dress für die kommenden Tage auf dem Moppet feilbot. Hermann erstand, natürlich nur “für die Enkelchen”, ebenfalls ein bis zwei Exemplare. Die Sucht nach T-Shirts sollte unsere Tour bis zur letzten Minute prägen. Allein Meggis und meine “Strecke”, wie der Waidmann sagen würde, war bei der Ankunft daheim weit über 20 Meter lang. Die Summe aller von unserer Gruppe erworbenen T-Shirts würde wahrscheinlich für einen publikumswirksamen Auftritt in einer jeden Waschmittelreklame des Werbefernsehens ausreichen.

Wir beschlossen den Abend mit einem Abendessen in Fisherman’s Village im Shanghai Red’s bei einer äußerst delikaten Fischplatte und von Martin empfohlenem trockenem Wein aus Kalifornien vom Weingut Fetzers.

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Fr., 8.9.  -  Ziel: Palm Springs  -  Tagesmeilen: 113 (182 km)

Wecken um 7:45 Uhr ...und das im Urlaub

Aber - das frühe Aufstehen sollte sich lohnen. Es begann bereits beim Frühstücksbüffet, von dem mir diverse verlockende Düfte die Geruchssinne zu betören begannen. Mit Pawlowschen Reflexen suchte ich mir einen freien Tisch um, kaum hatte ich die Sitzfläche berührt, auch schon an die Essenströge zu stürzen. Besonders angetan hatte es mir schließlich ein labskausähnlicher Eintopf, von dem ich, zum Entsetzen meiner Jattin, sogar noch einmal Nachschlag nahm. Meine Jattin kann morgens außer Kaffee (für sie ein Muß!) und einem oder zwei Brötchen einfach noch nix “Richtiges” essen. Ich eigentlich auch nicht, wie ich verblüfft feststellen mußte. Aber hier machte sich der Jet-Lag  für mich ausnahmsweise mal positiv bemerkbar: zum ersten Male im Leben konnte ich mit Appetit frühstücken - was ich ausgiebig ausnutzte ...und Meggi angewidert zuschauen ließ.

Anschließend starteten wir unsere Stadtrundfahrt in einem gemieteten Kleinbus mit Führung. Die Sightseeing-Tour begann in Downtown, wo wir ausgiebig die Hochhäuser (“Wells Fargo”) bewunderten, um dann in die Olivera Street zu gehen, die Gründungsstraße von Los Angeles. Die Geburtszelle, sozusagen. Hier gab es viele Verkaufsstände, wo wir unter anderem eine praktische Reisetasche erstanden, in der wir unsere notwendigen Mitbringsel zu transportieren gedachten. Hermann erstand, natürlich nur “für die Enkelchen”, ebenfalls ein bis zwei T-Shirts und ein paar andere Kleinigkeiten.

Durch Genuß eines Liters Mineralwasser gestärkt machten wir uns auf zur nächsten Station der Tour, zu einem Aussichtspunkt, von dem aus die 15m hohen, weißen Buchstaben “HOLLYWOOD” besonders gut zu sehen (und zu fotografieren) waren. Auch der Dunst über LA setzte sich von hier  besonders gut in Szene. Hollywood-typisch halt...

Weiter ging’s über den Sunset Boulevard zum berühmten “Mann’s Chinese Theatre”, wo wir die Metall-/Marmor-Sterne der Stars und die Hand- sowie Fußabdrücke vieler Hollywoodgrößen in den Bodenplatten bewundern konnten. In einer Nebenstraße gab es rein zufällig drei bis vier Läden, in denen man kleinere Andenken und auch recht preiswerte T-Shirts erstehen konnte. Nun ja - T-Shirts braucht man schließlich immer; sie werden schließlich nicht schlecht und fressen auch kein Brot. Und so kauften wir uns ein bis zwei Exemplare dieser praktischen Kleidungsstücke. Auch Hermann erstand, natürlich nur “für die Enkelchen”, ein bis zwei T-Shirts und ein paar andere Kleinigkeiten.

Weiter führte uns die Rundfahrt nach Beverly Hills, dort, wo die Reichsten der Reichen wohnen. Zu viele der berühmten Namen stürzten auf mich ein, um sie alle behalten zu können.

Von hier aus suchten wir das Thunderbolt Café auf, jenes berühmte Harley-Lokal von Peter Fonda. Ganz im Stile eines hölzernen Saloons gehalten machte es einen urigen, saugemütlichen Eindruck auf uns Rocker. Das Essen war gut und preiswert. Und nebenan gab es einen Verkaufsraum mit vielen, ausgesucht schönen Harlies ...sowie einem Laden, in dem man ein paar Kleinigkeiten kaufen konnte. Nach Einkauf der wichtigsten Acessories, wie T-Shirts und Zippos (Auch Hermann erstand, natürlich nur “für die Enkelchen”, ein bis zwei T-Shirts und ein paar andere Andenken.) kehrten wir in den Schankraum zurück, bewunderten dort noch einmal das durch die Wand kommende Motorrad (Das Hinterteil war von draußen zu sehen, der vordere Teil dieser Harley ragte aus der Wand in das Lokal herein.), tranken noch ein paar Schluck und ließen uns (äääääändlich...) zu unserem Moppet-Vermieter kutschieren.

Dort standen sie bereits und warteten auf uns, unsere treuen Gäule ...äähhh... Motorräder, welche uns ab jetzt durch die Weiten Amerikas schaukeln sollten. Der Vorschlag von Franz, die nach seiner Erfahrung bewährte Regel fürs Gruppenfahren “Jeder bekommt seine Position und behält sie während der kompletten Etappe” wurde ohne lange Diskussion verworfen. Wir wollten es doch lieber erst einmal ohne Regeln probieren. Die Übernahme der Moppets verzögerte mit preußisch / österreichischer Gründlichkeit (treffender: Langsamkeit) unseren Aufbruch, so daß einige noch die Gelegenheit nutzten, im angrenzenden Verkaufsraum ein paar T-Shirts, Mützen, Sticker und ähnliche Accessories zu erstehen. Nachdem endlich auch das Problem geklärt war, daß anstelle der zwei bestellten Electra-Glides nur eine E-Glide und eine Road-King zur Verfügung standen, konnten wir um 17 Uhr endlich die Motoren anlassen und nach einem abschließenden Gruppenfoto und einer kurzen Proberunde über den Wendehammer auf die Bahn gehen. Die Rush-hour hatte natürlich lange begonnen, und so war es für unsere, noch nicht eingespielte Gruppe, ziemlich schwierig, auf dem Highway dicht zusammenzubleiben. Prompt war eine Gruppe verschwunden, nachdem sie von einem Bus überholt worden war. Längeres, immer langsameres Fahren und Wechseln in die rechten Spuren brachte keinen Erfolg. Sie blieben verschwunden. Das ging ja gut los! Kaum auf dem Randstreifen angehalten (Ist das in Amerika eigentlich erlaubt?) bretterten die verlorenen geglaubten Maschinen auch schon vorbei. Murphey fuhr also auch mit... Ab jetzt gab es keine größeren Probleme mehr. Natürlich fuhr die Gruppe nicht so homogen, wie die in Bonn (allzu?) häufig zu bestaunenden Motorradeskorten der Polizei; aber, für uns reichte es auch so.

Um 19:30 begann die Dämmerung sich anzukündigen. Da viele, ich auch, getönte Brillen trugen, war Brillenwechsel angesagt. Wir nutzten den Stop zum Auftanken und aßen eine Kleinigkeit. Ich probierte, als Fastfood-Gegner mit der notwendigen Vorsicht, einen Tripleburger (incl. Getränk und Fritten $3.45), Meggi stärkte sich mit einem Hamburger ($1.70).

Ca. 21 Uhr erreichten wir nach Durchqueren des einzigen dichten Insektenschwarmes der gesamten Tour unser Etappenziel Palm Springs. Nach dem Abschließen der Maschinen uns Sichern mittels Bremsscheiben- und Kryptonyte-Kabelschloß luden wir die Koffer aus dem Van und suchten unsere Zimmer auf, wo wir die Abendroutine starteten.

Die Abendroutine lief fast immer gleich ab:

  1. Raus aus den dreckigen, durchgeschwitzten Klamotten (es ist gar nicht einfach, ein schweißnasses T-Shirt vom Körper zu pellen.).
  2. Die Besonderheiten der Dusche erkunden (man glaubt ja gar nicht, was es alles an unterschiedlichen Mischsystemen für Duschwasser gibt:
    • -  zwei Kräne, einer für Kalt-, einer für Warmwasser;
    • -  zwei Kräne, einer für Kalt-, einer für Warmwasser - aber: kalt linksrum, warm rechtsrum
    • -  ein Drehregler (überwiegend dreieckig), je weiter aufgedreht, desto heißer
    • -  ein Drehregler, links kalt, rechts warm und “Wasser marsch!” beim Herausziehen;
    • -  ein Drehregler, links kalt, rechts warm und “Wasser marsch!” beim Hochschieben;
    •    (von den unterschiedlichen Vorrichtungen zum Umleiten des Wassers aus dem
    •     Wasserhahn in den Duschkopf will ich jetzt lieber schweigen. Die Variationen waren
    •     ähnlich vielfältig. Außerdem sitzt der Brausekopf grundsätzlich mittels Kugelgelenk
    •     beweglich fest an der Wand. Der hier übliche Duschschlauch fehlt.
  3. duschen ( mit leicht angewinkelten Knien wegen der Brausekopf-Höhe und mit Waschlappen bewaffnet, da man den Strahl mangels Schlauch nicht überall hin lenken konnte. Schließlich hat meine Mutti mir beigebracht, mich “auch da unten rum” zu waschen...
  4. frische Kleider anziehen. AAAAAHHHHHH...... Wie wohltuend

Probleme bereitete mir nur das Einstellen der Klimaanlage im Hotelzimmer. Die Skala war in Grad Fahrenheit geeicht. Nun kenne ich natürlich als gut vorbereiteter Ferntourist die Umrechnungsformel von Grad Fahrenheit nach Grad Celsius; aber wer rechnet haute schon noch, dazu ohne Taschenrechner, C= (F-32) * 5/9 aus??? Ich bin dazu als Computerfreak schlichtweg außerstande. Also wurde geschätzt. Allmählich wurde es drinnen kühler als draußen --- Also stimmte die Einstellung...

In der Bar des Hotels bestelle ich ein Bier. Budweiser “light” bringt mir die Bedienung. Ob man mich vorsichtig an das amerikanische Bier heranführen will? Alle anderen trinken “richtiges” Bud. Nach drei bis vier Bierchen fallen wir todmüde in die Koje. Schließlich müssen wir morgen wieder früh raus (Und das nennt sich dann Urlaub! Nun ja, wir wollten es ja nicht anders.).

 

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Sa., 9.9.  -  Ziel: Wickenburg  -  Tagesmeilen: 363 (584 km)

Wecken um 6:45, Checkout, 8 Uhr Treff bei den Moppets.

Da im Hotel kein Frühstück angeboten wird, fahren wir zu Denny’s und frühstücken dort. Nach Tankstop in 29 Palms geht es weiter.

Zunächst fahren alle Moppets brav hinter ihrem Leithammel, dem Van, her. Aber man kann bereits an den immer häufigeren Veränderungen der relativen Position der einzelnen Maschinen innerhalb unseres Pulks bemerken, daß die Fahrer langsam Gefühl für ihre Maschinen zu entwickeln beginnen und unruhig werden. So erreichen wir die ersten Ausläufer der Mojave-Wüste. Die Kurven werden weniger, die Straßen immer gerader. Und irgendwann ist der Punkt gekommen, an dem die Straße sich in der Ferne verliert. Kein Ort weit und breit, kaum ein anderes Fahrzeug. Ich beginne, die Weite zu genießen. Allein, es bleibt immer ein optischer Störfaktor beim Genießen der endlosen Weite vor meiner Nase hängen: der Van.

Warum überhole ich ihn nicht einfach? Als erster aus der Gruppe ausscheren und mich dadurch selbst zum Revoluzzer abstempeln, der diese hehre Ordnung zerstört, der sich außerhalb der Gruppe stellt? Ein wohlerzogener Junge tanzt nicht aus der Reihe! Das Kribbeln im rechten Handgelenk wird heftiger. Und was würde Franz sagen? Franz, der es gewohnt ist, nach strengen Gruppenregeln zu fahren. Würde er mich überhaupt verstehen können? Oder würde er mich für den Rest der Tour als disziplinlosen Rowdy einstufen, mit dem weiterzufahren ihm vieleicht keinen Spaß mehr machen sollte? Wie würden die anderen reagieren, deren sonstiges Fahrverhalten ich schließlich gar nicht kenne? Die Unsicherheit wächst mit der Ungeduld.

Meile um Meile schnurrt unter den Pneus dahin. Und immer noch keine Veränderung der Situation. Die Straße verliert sich wie mit dem Lineal gezogen in der Ferne des Horizontes. Links und rechts erstreckt sich einsam die Mojave-Wüste. Selten nur sichten wir ein fremdes Fahrzeug. Fährt der Van nicht auffällig weit rechts? Ob das vielleicht bedeuten soll “Wieso überholst Du nicht einfach? Verfahren kann man sich auf dieser endlos geraden Straße ohne Abzweigung sowieso nicht. Außerdem hast Du doch, genau wie jeder andere, beim morgendlichen Briefing eine genaue Streckenbeschreibung erhalten, nach der Du im schlimmsten Falle das heutige Ziel auch alleine erreichen wirst.” --- Kaum vorbei am Van sehe ich bei meinem ersten vorsichtigen, reuigen Blick in den Rückspiegel auch schon zwei weitere Maschinen ausscheren und wie von der Leine befreit das Schwerefeld des Van verlassen. Wie es aussieht, hatten sich Stefan und Joseph mit ähnlichen Überlegungen herumgeschlagen und mich dankbar als Vorreiter benutzt.

Wir lassen den Pferden freien Lauf. Wie ist es herrlich, diese Weite ohne das Auto vor der Nase zu erleben. Jeder von uns fährt mal vorne und genießt so diese endlose Weite ohne Vordermann. Irgendwann stößt auch Michael zu uns Vorauseilenden. Ihn hatte es auch nicht mehr hinten gehalten. Nachdem wir einen größeren Vorsprung herausgefahren und uns an Landschaft und Weite sattgesehen hatten, fuhren wir auf den Randstreifen, stellten die Maschinen ab und warteten auf den weit abgeschlagenen Pulk, um uns nach der Fahrpause wieder brav einzureihen.

Die nächste Etappe wird anfangs wieder diszipliniert hinter dem Van gefahren. Jedoch schon bald schert Stefan mit seiner weiß-goldenen E-Glide aus ...und Joseph, Michael und ich folgen ihm gerne. Wieder fahren wir eine Strecke lang voraus und warten dann auf den Pulk. So wechseln Stefan und ich uns in der Rolle des undisziplinierten Ausreißers bei den folgenden Etappen meist ab. Als ich ihn während eines solchen Stops einmal grinsend darauf anspreche, daß er beim nächsten Mal wohl wieder dran sei, den bösen Buben zu spielen, verblüfft er mich damit, daß er meint, das sei ihm auch jedesmal ziemlich peinlich. Er sei schon ganz froh, daß er nicht immer derjenige sei, der aus der Gruppe ausbreche. ...Und beim nächsten Mal sei ich doch bitteschön wieder dran, schließt er schelmisch.

So langsam wurde die Formation eh lockerer. Hilfreich erwies sich dabei auch, daß die Videofilmer im Van uns immer mal wieder am Wagen vorbeiwinkten, um den Troß beim Überholen auf den Film zu bannen. Wir taten uns von Mal zu Mal leichter, aus der Formation auszubrechen und unser eigenes Tempo zu fahren. So bildeten sich im Laufe der Tour zwei Gruppen, welche die beiden vertretenen Fahrstile wiederspiegelten und in denen jeder sich wohlzufühlen schien. Einige wechselten auch ab und an, je nach Laune und Tagesform, die Untergruppe. Das Fahren wurde dadurch für beide Gruppen streßfreier. Bei den Stops waren wir dann wieder ein Team.

In Vidal Junction stellt Hermann fest, daß sein Hinterreifen Luft verliert. Bösewicht ist ein Nagel, der schon länger drinsteckt, wie man an der abgefahrenen Fläche erkennen kann. Uns bleibt als Soforthilfe nur Reifenpilot.

Die Reparatur ist in Parker (kurz hinter dem Colorado River) nicht möglich, da die hiesige Motorboot-Reparaturwerkstatt weder Werkzeug noch den passenden Schlauch vorrätig hat. Man schickt uns nach Lake Havasu City, welches 2 mal 40 Meilen Umweg bedeutet. Und das bei einer Temperatur von 50°C im (kaum vorhandenen) Schatten. Mit der Notreparatur sollen wir lieber nicht weiter fahren, als irgend nötig, rät uns der Werkstattleiter. So bekommen wir die London Bridge zu sehen, welche ein spleeniger Millionär in England hat abtragen lassen und hier Stein für Stein wieder aufbauen ließ. Ansonsten wirkt das Städtchen auf mich wie eine künstliche Industriestadt mit Wohngelegenheit und Imbissen.

Leider hat der hiesige Kawasaki-Händler auch keinen passenden Schlauch (Ventil gerade / schräg). Und so schickt er uns zum benachbarten Honda-Händler weiter. Jener fährt selbst Harley, und daher hat er sogar einen passenden Schlauch auf Lager. Die Zeit der Reparatur vertrieben wir uns mir Besuchen bei Kentucky Fried Chicken (4 legs für mich und 6 Nuggets mit Pommes für Meggi sowie Ice-tea... ice-tea... ice-tea; Refill ist schon eine tolle Sache. Sollte hier auch eingeführt werden!) und bei Burger King.

Um 16:30 war die Reparatur endlich erledigt. Die 40 Meilen nach Parker, zum Colorado River, also wieder zurück, tanken und endlich wieder auf die geplante Strecke gen Wickenburg, wo wir um 20:10 Uhr ankommen. Das Best Western entpuppt sich als recht komfortables Haus. Sogar auf der Toilette befindet sich ein amtsberechtigtes Telefon. Die Toilette ist so riesig, als habe man sie als Drive-In für Trucks geplant gehabt. Der Pool bietet sogar ein Whirlpool-Becken, welches einige von uns sofort dankbar annehmen.

Nach der oben beschriebenen Duschroutine geraten wir, auf der Suche nach etwas Eßbarem, ins “La Cabana”. Abgesehen von den fehlenden Schwingtüren - so habe ich mir immer einen echten Saloon vorgestellt: Holz, dunkel, verraucht. Und das hier verkehrende Publikum bietet viel Abwechslung fürs Auge. Hier lerne ich erstmalig den “Pitcher” kennen. Das Gefäß war mir bereits von Gartenpartys in Deutschland her bekannt; wir benutzen ein ähnliches zum Ausschenken von Obstsaft. Hier wird es benutzt, um eine Vorratsmenge Bier auf dem Tisch zu deponieren. Überhaupt scheint es in Amerika völlig andere Trinksitten als bei uns zu geben. So war es hier z.B. normal, Hefeweizen aus der Flasche zu trinken. Ein Glas gab es nicht einmal auf Nachfrage dazu. Oder sollte es sich um eine lokale Besonderheit in Wickenburg handeln?

Serviert wird von einer Wirtin, die in nichts vom Erscheinungsbild ihrer Gäste abweicht. Unter Verströmen einer beachtlichen Fahne läßt sie ihre wunderschönen Zähnchen aufblitzen ...alle beide. Wären diese gar weiß anstatt dunkelbraun gewesen, so hätten sie wohl noch strahlender geblitzt. Dabei schwankt sie bedenklich. Der Lästerecke mir gegenüber (Günter, Stefan, Frank und Monika) war deutlich von den Gesichtern abzulesen, worüber sie tuschelten und was jeder einzelne gerade dachte. Fast schon peinlich, wie dort auf den Minen abzulesen war, was auch in unseren Köpfen ablief.

Da wir Hunger hatten, fragten wir, was es denn zu essen gebe. Die Wirtin bot uns Pizza in zwei Variationen und Größen zur Auswahl. Um uns die Auswahl zu erleichtern, ließ sie den Küchenbullen antanzen; dieser hielt zwei Tiefkühlpizzen hoch - wir suchten die uns genehmen Versionen aus und bestellten. Ca. 20 Minuten darauf kamen die ersten Pizzen, die großen Versionen. Nachdem diese bereits lange vernichtet worden waren, die Hälfte der Gruppe gut gesättigt war und sich nichts weiter in Sachen Nahrungsangebot zu tun schien, beschlossen einige von uns, dann halt lieber hungrig in die Koje zu gehen, als morgen übermüdet und hungrig zu starten. Kaum hatten sie das Haus verlassen, kamen auch schon (schon?) die restlichen, die kleinen, Pizzen. Sogar einige mehr, als von uns bestellt worden waren. Etwas hilflos bot uns die Wirtin diesen Überhang umgehend als “on the house” an. Wie bereits vorher erwähnt, Murphey begleitete uns.

Die gesättigte Fraktion rückte näher zusammen und tauschte Impressionen aus. Der gesamte repräsentative Querschnitt durch die Dorfjugend schien vertreten. So waren da die 2 Mädels an Theke (quadratisch, praktisch, gut), welche ihre spanisch glutäugigen Blicke verheißungsvoll durchs Lokal schweifen ließen. Oder die Klicke am Billard. Bei dem Schmalzschwänzigen drängte sich der Verdacht der Verwandtschaft zur Wirtin aufgrund der Ähnlichkeit ihrer Gebisse (bzw. dem, was davon übrig war) förmlich auf. Aber nett waren sie wirklich alle hier! Er nahm dankbar das angebotene Hefeweizen, mit dem Stefan mangels passendem Glas ein paar Probleme hatte, um es ganz selbstverständlich aus der Flasche zu nuckeln.

Ein seit Jahren in Wickenburg ansässiger Berliner, wie an seinem Mundwerk leicht zu erkennen war, gab uns noch ein paar wertvolle Tips für das morgige Frühstück. Da wir vorhatten, morgen wieder recht früh auf die Bahn zu kommen, beendeten wir den geselligen Abend und gaben unserem Erholungs- und Schönheitsschlaf den Vorzug.

 

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So., 10.9.  -  Ziel: Grand Canyon  -  Tagesmeilen: 266 (428 km)

6:30 Wecken, 8:30 Abfahrt

Zum Frühstück aß Frank, wie stets, ein süßes Teilchen. Ich hatte mich immer noch nicht daran gewöhnt.

Wir passierten Sedona, wo wir tankten und das Öl prüften. Da Harlies gerne, wie Rüden, ihr Revier markieren, gehört das zu den regelmäßigen Übungen während einer solchen Fahrt. Natürlich hatte der Vermieter uns nicht über die genauen Meßtechniken bei den verschiedenen Modellen aufgeklärt.

Gegen 14 Uhr trafen wir in Flagstaff ein. Selbstverständlich ließen wir das einladend links an der Straße befindliche Denny’s nicht einfach links liegen. In den letzten Stunden hatte sich der Himmel immer mehr zugezogen. Unsere Hoffnung, der Schlechtwetterfront vielleicht doch noch zu entkommen, indem wir sie an einem der Gebirgskämme zurückließen, zerschlug sich beim Absteigen. Die ersten dicken Tropfen platschten herab. Also flüchteten wir uns ins Lokal hinein und ließen den Regen draußen Regen sein. Irgendwann muß der ja schließlich auch wieder aufhören.

Auf der anderen Straßenseite rollten mehrere Sante-Fe-Express-Züge vorbei. Schier endlose Wagenschlangen, die von 3 bis 6 Loks gezogen wurden. Wir sollten noch etliche davon zu sehen (und zu hören) bekommen. Die Wartezeit wurde angenehm verkürzt durch die Tatsache, daß an der Kasse Pins und Mützen mit dem Aufdruck “Route 66” zu kaufen waren. Da dies eines unserer morgigen Etappenziele darstellen sollte, deckten wir uns schon mal damit ein. Zu einer weiteren Verzögerung führte dann noch der totale Ausfall des Kreditkartensystems. Das Unwetter hätte also wirklich reichlich Zeit gehabt weiterzuziehen. Aber es nutzte auch diese zusätzliche Chance nicht. Na gut; bei Regen staubt’s halt nicht so. Das hat doch auch etwas Gutes. Positiv Denken...

Um 16:40 Uhr starteten wir wieder. Es regnete zwar momentan nicht, aber der Himmel sah dennoch nicht gerade vertrauenerweckend aus. So machten wir kurz darauf Halt, um uns in die Regensachen zu schmeißen. Besonders gut gerüstet war Franz, der seine Motorradhandschuhe gegen gelb-blaue Spülhilfen, Gummihandschuhe, austauschte. Meggi und ich verzichteten auf das Überziehen der Regenkombis, da ich unsere Ledersachen erst direkt vor der Abreise besonders gründlich eingefettet hatte. Sie würden erfahrungsgemäß auch längeren Schauern trotzen. Außerdem scheuen Meggi und ich, die wir außerhalb des Urlaubes die gleiche Marke fahren, davor zurück, “im Schlafanzug” auf einer Harley zu sitzen. Das überlassen wir lieber - völlig wertneutral, natürlich - den Fahrern der japanischen und deutschen Moppets. Wenige Minuten später waren wir mittendrin im Gewitter. Wir wollten unseren Augen kaum trauen, als plötzlich Schnee und Graupel durch den Scheinwerferkegel fegte. Schnee und Eis auf dem Randstreifen. Ein Auto war von der Straße abgekommen und über den Randstreifen die Böschung hinunter gerutscht. Es wurde noch kälter. Der Schneeregen peitschte mein durch den Minihelm und das Halstuch kaum geschütztes Gesicht. Aber, wie sagt doch ein bekannter Karnevals-Song: Alles hat ein Ende... So auch dieses Unwetter. Es wurde heller; die Sonne kam langsam, aber stetig, wieder durch. In der Einfahrt zu einem Indianerreservat machten wir Pause. Michael nutzte diese Gelegenheit, um sich aus seinem Koffer völlig neu einzukleiden. Seine Kleider waren derart naß, daß darin an ein Weiterfahren nicht mehr zu denken war. Die anderen nutzten diese, wie überhaupt alle noch so kurzen Pausen, dankbar zur Befriedigung ihrer Sucht..

Wir stiegen wieder auf und pötteten weiter. Kaum war der letzte Regentropfen von Sonne und Fahrtwind weggepustet worden, ereilte uns ein neuerlicher, zum Glück aber ziemlich kurzer, Regenschauer. Er war, wie sich zeigen sollte, das Abschiedskommittee des feuchten Elementes für den Rest der Tour gewesen. Bei Eintreffen am Grand Canyon um 18:50 schien bereits wieder die Sonne aus der immer löchriger werdenden Wolkendecke und zauberte wunderschöne Kringel und Muster in den Canyon, der dadurch vielleicht noch majestätischer erschien. Natürlich gab es hier auch die Möglichkeit, ein paar Memorabilien, wie T-Shirts u.ä., zu erstehen. Diese Gelegenheit nutzten wir umgehend. Hermann erstand, natürlich nur “für die Enkelchen”, ein bis zwei T-Shirts und ein paar andere Andenken...

Von diesem Aussichtspunkt fuhren weiter an einen zweiten, wo wir auf den Sonnenuntergang über’m Grand Canyon warten wollten. Es war ein Sonnenuntergang a la Walt Disney! Ich hatte die Farben der Wolken bei den honigsüßen Szenen jener wunderschönen Zeichentrickfilmen wie Susi und Strolch, Bambi, Dschungelbuch und wie sie alle heißen (Ich liebe diese Filme!), stets für unrealistische Übertreibungen Marke “typisch amerikanisch” gehalten. Ich wurde eines besseren belehrt. Beim Vorführen der Dias dieses Sonnenunterganges werde ich immer wieder nach der Ursache für diese “Fehlfarben” gefragt...

19:35 kamen wir im Hotel an. Nach der bekannten Moppetsicherungs- und Duschzeremonie trafen wir uns zum Essen. Ich entschied mich für Spaghetti mit Fleischbällchen. Hier wartete eine Lektion hinterlistig darauf, von mir gelernt zu werden: Bestelle niemals Spaghetti, bevor Du Dich nicht vergewissert hast, daß es dazu ein reguläres Besteck, gibt! Wer schon einmal versucht hat, Spaghetti mit der Plastikgabel zu essen, der weiß, was ich meine.

Aber, warum beklage ich mich eigentlich? Martin war viel schlimmer dran. Er war auf das Angebot “Pizza klein, mittel oder groß” reingefallen. Und da er einen mittleren Hunger verspürte, bestellte er die dazu analoge Pizza, eine “mittlere”. Als sie serviert wurde, wurde uns blitzartig klar, was die drei runden Blechscheiben an der Wand zu bedeuten hatten, die dort, scheinbar zusammenhangslos mit darauf gemalten 10”, 14” und 16” und von uns bislang unbeachtet, herumhingen. Die “mittlere” Pizza hatte einen Durchmesser von 14 Zoll (ca. 43 cm) und war wohl kaum für einen einzelnen Esser gedacht. Ich sehe bei Durchsicht meiner Dias immer wieder amüsiert das entsetzte bis verzweifelte Gesicht von Martin vor mir, bei seinem hoffnungslosen Versuch, diese Pizza zu besiegen. Da er nicht der einzige war, der ein solches Monstrum geordert hatte, verliefen auch seine Versuche, Mitstreiter zu finden, wenig erfolgreich. Die Pizza blieb eindeutiger Sieger in diesem Wettstreit. --- Irgendwer soll sogar “großen” Hunger gehabt haben...

Gegen 22 Uhr fiel ich wie tot in die Koje. Es war ein anstrengender Tag gewesen.

 

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Mo., 11.9.  -  Ziel: Las Vegas  -  Tagesmeilen: 289 (465 km)

6:15 wecken. 7:20 Treff am Helikopter-Flugplatz

Das ging ja gut los! Als ich die Augen aufschlug war es 6:30. Der Wecker hatte noch nicht geklingelt und auch der Wake-Up-Service des Hotels, den ich am Abend vorher zur Sicherheit zusätzlich noch aktiviert hatte, hatte nicht funktioniert. Meine krankhafte Neugier trieb mich, wenigstens zu ergründen, wieso der Wecker, der scheinbar die korrekte Zeit anzeigt und dessen Weckzeit korrekt eingestellt war, nicht funktioniert hatte. Die Analyse ergab: Ich hatte zwar die Weckzeit korrekt eingegeben. Aber derjenige, welcher die Uhrzeit eingestellt hatte, der hatte AM und PM verwechselt. Der Wecker hätte um viertel nach sechs abends geweckt...

Um 7:20 trafen wir uns am Helikopter-Flugplatz, wo wir Rundflüge über den Grand Canyon bestellt hatten. Dazu waren am Vorabend bereits Listen rundgegangen, in welche sich alle unter Angabe ihres Gewichtes einzutragen hatten. Dies ist notwendig, damit die Hubschrauber gleichmäßig beladen werden können. Nur, was macht man, wenn man sein Gewicht nicht kennt? Nachdem sich bei meinem letzten Wiegeversuch vor Jahren einmal der Zeiger der Waage hoffnungslos aufgespult hatte, hatte ich mich nie wieder gewa(a)gt. Das gemeinsam mit meiner Jattin Meggi anläßlich unseres Besuches im Deutschen Museum vor wenigen Jahren auf einer dort ausgestellten Waage ermittelte Gewicht (Meggi plus ich durch 2) wollte man nicht gelten lassen. So wurde ich kurzerhand geschätzt; der allzu glatte Schätzwert wurde auf eine krumme Zahl plausibilisiert, in Pounds umgerechnet und eingetragen. Da unser Helikopter später, während des Fluges, relativ waagerecht in der Luft lag, schien die Schätzung ja recht passabel gewesen zu sein.

Der Flug war einfach nur grandios zu nennen. “Geil!” würde die heutige Jugend wohl formulieren. Majestätisch öffnete sich der durch Wind und Wasser gefräste Canyon unseren Blicken. Dabei entfaltete er eine Farben- und Formenvielfalt, die mit den Augen alleine gar nicht zu erfassen war. Es war ein bewegendes Naturschauspiel, was sich uns dort offenbarte. Dazu die einfühlsame Musikuntermalung über Kopfhörer. Schöööööön!

Aber - wie sagten doch schon die ollen Griechen? Wen die Götter strafen wollen, den heben sie erst noch etwas höher, bevor sie ihn dann nur um so tiefer fallen lassen. Und genau dieses Phänomen erfuhr ich am eigenen Leibe kurz vor Ende des Fluges. Wenige Minuten vor der Landung überflogen wir, von den meisten wohl unbemerkt, ein Indianerreservat, welches im Grand Canyon liegt. Jener Indianer, den wir alle uns dank der glorifizierenden Beschreibungen eines Karl May schon im zarten Kindesalter als stolzen und edlen Krieger vorstellten, der war jetzt hier untergebracht worden. In rostigen, verfallenden Wellblechhütten. Jener Indianer, den ich während des Fluges fast zu sehen glaubte, wie er stolz und frei über sein Land, den Canyon, schaute - jener Indianer lebt heute, fast ausgerottet und unter menschenunwürdigen Verhältnissen in den ihm gnädig zugewiesenen Elendsquartieren und trauert einer großen Vergangenheit nach, während er den Weltschmerz seines Volkes im Alkohol zu betäuben sucht. Er hat nicht einmal Wahlrecht in dem Land, welches ihm früher gehörte.

Mit von den soeben erlebten optischen und akustischen Eindrücken durchgekneteter Seele und bereits lange vorher für die Probleme dieses ehemals stolzen und freien Volkes sensibilisiert, hatte ich schwer mit diesem unvorbereiteten Anblick zu kämpfen. Nur mit allergrößter Selbstbeherrschung gelang es mir, wenigstens bis zum Aussteigen Form zu wahren, so sehr hatte mich dieser Anblick getroffen. Anschließend sonderte ich mich erst ‘mal eine Zeitlang von der Gruppe ab, um mich wieder zu fangen.

Gegen 11:15 erreichten wir mit den Moppets Seligman, wo wir auf die “Route 66” wechselten, das Mekka eines jeden Bikers. “We got out kicks - on route 66”. Hier rasteten wir bis gegen 13 Uhr. Im Horse-Saloon erfrischten wir uns. Frank und Günter spielten auf einer Art Mini-Eisstockbahn im Lokal ihre Getränke aus. Hermann wartete vergeblich auf Doc Holliday, mit dem er hier zum Duell verabredet sei, wie er uns immer wieder erzählte. Aber der Doc kniff offensichtlich, und so trollten wir uns nach angemessener Wartezeit. Günter und Frank, die Tourguides, testeten jetzt auch einmal das Fahren auf dem Motorrad.

In Kingman war nach 82 Meilen auf der “Route 66” der nächste Tankstop. Der Körper forderte auch sein Recht und so kehrten wir in jenem amerikanischen Spezialitätenlokal mit dem großen gelben “M” im Wappen ein. Hier fielen uns zwei Mädels auf, welche sich albern kichernd, wie es nun’mal Art junger Mädchen ist, über Hermann und sein Truckerkäppi amüsierten, der auch hier, wie meistens, seiner natürlichen Fröhlichkeit flapsend Ausdruck verlieh. Die Mädels verblüfften mich durch ihren dreifarbigen Nagellack; drei wellenförmige Bahnen nebeneinander auf jedem Nagel. Und zusätzlich jede Farbe auch noch mit unterschiedlichem Muster versehen. So amüsierten wir uns dann alle übereinander...

Unser nächstes Etappenziel war der Hoover Dam. Wir stellten unsere Maschinen auf dem Parkplatz ab und fotografierten die Anlage, während wir für eine Gruppe Japaner mit unseren Harlies ein viel interessanteres Fotoobjekt darzustellen schienen als der Staudamm. Ein Stückchen weiter konnte man den Damm selbst ganz, das heißt, bis zu seinem Fuß, bestaunen. Tief ging es herunter; es konnte einem beim Zusehen schwindelig werden. Frank entdeckte einen ca. 5 Meter hohen Geröllhaufen, den er bergziegengleich erklomm. Er kommt an süßen Teilchen zum Frühstück und an Kletterangeboten einfach nicht vorbei.

Leider fühlte sich Meggi gar nicht gut. Sie hatte offensichtlich Fieber. Ursache schien sowohl eine Erkältung, die sich sich direkt am ersten Tag durch Mißbrauch der Klimaanlage im Hotelzimmer zugezogen hatte als auch ein gleichzeitiger leichter Sonnenstich zu sein. Eine Sonnenallergie ließ bereits ihre Lippen aufblühen. So sah sie sich gezwungen, eine Zeitlang im Van mitzufahren. Ohne meinen Hinterradbeschwerer ließ sich meine E-Glide fortan gar nicht mehr so schön in die Kurven drücken wie vorher. So erwartete ich ihre Genesung genau so sehnsüchtig wie sie selbst, der der offene Himmel über dem Kopf schon nach wenigen Stunden zu fehlen begann.

Wie geplant trafen wir gegen 18:00 Uhr, zu Beginn der Abenddämmerung, in Las Vegas ein. Schon von Ferne konnte man die Pyramide des “Luxor” erkennen. Im dichten Verkehrsgewühl, es war gar nicht leicht, auf den Strip als Gruppe eng zusammen zu bleiben. Schon beim Durchfahren präsentierte sich diese Stadt als unglaubliches Lichtermeer voller Verrücktheiten wie untergehenden Segelschiffen, ausbrechenden Vulkanen, riesigsten Leuchtreklamen, römischen Brunnen, Wasserrutschen und... und... und...

Um 18:30 trafen wir bei unserem Hotel, dem Las Vegas Hilton, ein. Da Valet-Parking mit Motorrädern nicht möglich war, suchten wir uns selbst ein freies Eckchen auf dem angrenzenden Parkplatz. Ca. ½ Stunde irrten wir auf den riesigen Gelände herum, bis wir endlich eine zusammenhängende Parkfläche für den Van und unsere Moppets ganz in der Nähe des Haupteinganges gefunden hatten. Es war immer noch ein beachtlicher Fußmarsch, den wir zurückzulegen hatten. Dieses Hilton ist das größte der Welt. Jetzt begann ich auch zu verstehen, wie es in den 80-ern möglich gewesen war, daß hier auf dem Parkplatz seinerzeit ein Grand Prix durchgeführt wurde.

Nach dem Einchecken galt es, unsere Zimmer zu finden. Meggi wurde übel und ich hatte immer noch keine Ahnung, wo die uns zugeteilten Zimmer auch nur annähernd zu finden waren. Selbst das von mir ob der Dringlichkeit angesprochene Hotelpersonal vermochte mir nicht weiterzuhelfen. Glücklicherweise trafen wir in diesem Moment ein paar ebenfalls versprengte Gruppenkollegen, die unterwegs Informationen erheischt hatten, welcher Aufzug zuständig war. So näherten wir uns unseren Domizilen jetzt unaufhaltsam und wurden kurz darauf auch wirklich fündig. Heureka! Ich verordnete meiner Jattin 2 Aspirin und nahm auch selbst prophylaktisch eine. Außerdem schob ich eine zusätzliche Vitaminpille ein. Nach der allabendlichen Duschroutine legten wir uns ein Stündchen aufs Ohr.

Meine Medikation in Verbindung mit dem Schlaf und der freudigen Erwartungshaltung brachten Meggi wieder so weit auf die Beine, daß sie sich wieder fit genug fühlte, um zum Treffpunkt im Spielkasino mitzukommen. Die zum Treffpunkt gekürte Harley war leider in der Zwischenzeit schon ausgespielt worden. Nachdem alle versammelt waren oblag es unseren Tourguides, uns die traurige Mitteilung zu überbringen, daß die geplante und bereits bezahlte Vorstellung bei Siegfried & Roy leider vom Reisebüro falsch gebucht worden sei und somit leider für uns als Gruppe ausfalle. Meggi und ich traf diese Mitteilung nicht so hart, wie manchen anderen von uns. Eine Nacht war eh viel zu kurz für Las Vegas. Wir würden die zusätzliche Freizeit schon sinnvoll genutzt bekommen.

So schnappten wir uns mit einigen anderen ein Taxi und ließen uns zum Hard Rock Cafe kutschieren. Nachdem wir ca. 20 Minuten vergeblich auf den Rest gewartet hatten, der direkt mit dem nächsten Taxi nachkommen wollte, durften wir feststellen, daß uns der Fahrer vorm Hard Rock Hotel abgesetzt hatte. Glücklicherweise befand sich dieses direkt hinter dem gleichnamigen Cafe, in dem wir die Anderen bereits an der Theke ins Bierglas vertieft vorfanden. Wir deckten uns mit den absolut notwendigsten Memorabilien wie Zippos, T-Shirts etc. dieses Etablissements ein ( Hermann erstand, natürlich nur “für die Enkelchen”, auch ein paar kleinere Andenken.)

Von hier wechselten Meggi und ich zum Mirage. Der Eingangsbereich war als Urwald aufgemacht. Bäume und dichtes Unterholz säumten den Weg nach drinnen. Unterbrochen von Teichen und plätschernden Bächen. Die von Bäumen und Schlingpflanzen herunterbaumelnden Blüten verströmten einen betörenden Duft. Die Luft war feucht bis schwül. Nach Durchqueren des Urwaldes öffnete sich vor uns eine riesige, nur mit Slotmachines und einigen Spieltischen gefüllte, Halle. Da wir beide nun’mal keine ausgesprochenen Spielernaturen sind, machten wir uns auf, um das nächste Hotel zu besichtigen.

Nebenan liegt das “Caesar’s Palace”. Nebenan? Tjä, es grenzt zwar direkt an das Mirage, aber ca. 15 Minuten zu Fuß sind es wohl doch schon. Hier ist zwar alles wie in Walberbärsch ...bloß vill jrößer. In das “Ceasars Palace” zu gelangen gestaltete sich dann wieder sehr fußfreundlich für einen gehfaulen Burschen, wie mich. Förderbänder führten uns bequem durch in römischem Stile angelegte Vorgärten mit Marmorbrunnen, Gartenhäuschen und Wasserspielen. Hier war das kitschigste antike Rom aufgebaut worden, wie ich es mir anhand meiner humanistischen Schulbildung niemals hätte erdenken können. Zumindest die dekadente Phase des späten Rom hatte man ziemlich gut getroffen...

Innen empfing uns ein anheimelndes Einkaufssträßchen mit schönem Wölkchenhimmel. Perfekt war die Abendstimmung hier künstlich erzeugt worden. Hier wurde es niemals Tag oder Nacht. Es machte Spaß, hier entlangzuschlendern. Man vergaß bei sich nie ändernden Beleuchtung völlig die Tageszeit. Und genau das sollte man auch. Links und rechts säumten Einkaufsläden das Sträßchen. Meggi entdeckte rechts einen Walt-Disney-Laden und ich links ein Planet Hollywood. Sowohl links wie auch rechts der Straße erstanden wir ein paar T-Shirts und sonstige Memorabilien.

Das Sträßchen mündete in einen Platz mit einem riesigen Marmorbrunnen mit Pferden, Statuen und Schalen, in denen offene Flammen loderten. Von diesem Platz gingen weitere Einkaufsstraßen ab. So zogen wir von Straße zu Straße, von Platz zu Platz, von Brunnen zu Brunnen. Ich bekam langsam Plattfüße. Die Tüte an meiner Hand wurde immer dicker. Also suchten wir den Ausgang. Hinaus führte kein Förderband. Wir mußten die ganze lange Strecke mit unserer eigenen Füße Arbeit zurücklegen. Endlich war auch das geschafft und wir standen wieder auf der Straße.

Beim unschlüssigen Schlendern - sollten wir noch etwas unternehmen, die Stadt bot noch soooo viel von uns zu entdeckendes oder sollten wir unserer aufkeimenden Müdigkeit nachgeben - erwachte plötzlich neben uns ein Vulkan zum Leben. Vor dem Mirage findet dieses Spektakel alle 15 Minuten statt. Ein imposanter Anblick, wie das herabfließende Wasser von farbigen Scheinwerfern und von riesigen Flammenlanzen, die daraus hervorschießen, rotgelb beleuchtet wird. Eine gelungene Illusion.

Da streckt sich uns eine Hand mit einem bunten Magazin entgegen. Gut erzogen, wie ich bin, greife ich zu ...und habe in wenigen Sekunden einen riesigen Stapel von Anzeigenblättchen in der Hand, welche mir von blitzartig auftauchenden weiteren Verteilern in die Hand gedrückt werden. Die Analyse auf dem Hotelzimmer ergibt, daß es sich ausnahmslos um Offerten von Callgirls und -boys handelt. Wir amüsieren uns noch lange über die teilweise spaßigen Anzeigen: “Ich bin ein junges, unerfahrenes Mädchen; kenne aber alle Tricks...”, mit denen sich die Damen und Herren dort anbieten. Die Bilder spiegeln sehr gut die schizoide Prüderie der Amerikaner wieder, die sich bereits in der Bezeichnung “Restroom” für die Toilette (vom französischen “Waschraum”) zeigt; eine Umschreibung für die Umschreibung...). Überall überdecken bunte Kreise, Sterne oder Dreiecke die Begleitenden Fotos zu den schlüpfrigen Texten. Ein derartiger Mix von Prüderie und Freizügigkeit dürfte in der Welt wohl einmalig sein.

Chrrrrr... püüüühhhh... chrrrrrrrr.... pffffffffffttttt.... chrrr... [usw.]

 

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Di., 12.9.  -  Ziel: Death Valley  -  Tagesmeilen: 161 (259 km)

Wecken 8:00Treff 10:00

Wir Rocker treffen uns um 10 Uhr an unseren Maschinen, um zum Frühstückstrog zu schüsseln. Nachdem ich vorher an jedem Morgen unüberhörbar auf die Bremsscheibenschlösser hingewiesen hatte, verzichte ich diesmal bewußt darauf, mir schon wieder die selben mitleidigen bis genervten Blicke und Bemerkungen deswegen zuzuziehen. Wie bereits oben erwähnt: Murphy fuhr mit. ...Vom nächsten Tag an wies ich dann doch lieber wieder auf eventuell vergessene Bremsscheibenschlösser hin. (“Aus gegebenem Anlaß weisen wir noch einmal darauf hin, daß alle Moppets vorschriftsgemäß mit Bremsscheibenschlössern gesichert wurden!”)

Unsere Fahrt führte uns nur wenige Blocks weiter zum “Circus Circus”, wo ein opulentes Frühstücksbüffet für 2.99$ angeboten wurde. Dieses Frühstück war derart beliebt, daß die Warteschlangen mich ans Phantasialand erinnerten (Es fehlten nur die Schilder “Wartezeit ab hier: 20 Minuten”). Aber auch die längste Schlange führt einmal ans Ziel. Und dieses war wirklich lohnenswert. Meine Croissants und meinen Obstsalat hatte ich gegen Mitte des Büfetts bereits vertilgt, so daß der Teller wieder frei war für die warmen Speisen. Bei Meggi begann sich der sinkende Nikotinpegel aufgrund der langen Wartezeit schon wieder bemerkbar zu machen.

Gegen 11:30 Uhr war auch der letzte abgefüttert und es konnte losgehen gen Death Valley. Kaum auf dem Moppet, bereit zum Losfahren (“Aus gegebenem Anlaß weisen wir darauf hin, ...”) als mich die Botschaft erreichte, daß sich meine Jattin zusätzlich zu ihrem immer noch nicht stabilen Allgemeinzustand nun auch noch den Zeigefinger in der Autotür gequetscht hatte. (Hatte ich schon erwähnt, daß Murphy mitfuhr?) Ein wenig Pusten hier und ein paar bemitleidende Worte - mehr Zeit blieb nicht. Das Etappenziel mußte erreicht werden.

Beim Tanken in Shoshone durften wir uns anhören, daß wir ja wohl komplett bekloppt wären, just am heißesten Tag ins Death Valley zu fahren. 70° in der Sonne zeige das Thermometer. Die Temperatur im Schatten sei mangels selbigem nicht zu ermitteln gewesen. Wir zogen trotzdem stoisch weiter unsere Bahn. Langsam änderte sich die Landschaft. Waren zuvor noch etliche grüne Bodendecker in der den Weg beidseitig begleitenden Wüste zu sehen gewesen, so wurden auch diese immer kärglicher. Bald gab es nur noch blanken Felsen und Sand links und rechts der Straße. Wir begannen zu verstehen, wieso diese Gegend “Tal des Todes” genannt wird.

In Bad Water, einem flachen Salzsee links des Weges, begann ich plötzlich zu frösteln. Frösteln? Bei 70° Celsius? Oha! Der Kreislauf sendete erste dringliche Warnsignale. Zum Glück traf kurz darauf der Van ein, so daß ich mich ein wenig hinein setzen konnte. Sonst gab es keinen Schattenspender weit und breit. Nach 2-3 Litern Wasser und Besprengen von Kopf und T-Shirt mit dem kühlen Naß stabilisierte sich mein Kreislauf wieder soweit, daß ich die Weiterfahrt riskieren konnte. Auf den Umweg Artists Drive und Painted Desert verzichtete ich schweren Herzens. (Ich kann ja sooooo vernünftig sein...) Gemeinsam mit Martin, der auch lieber auf die Schotterpiste verzichtete, fuhr ich auf direktem Wege zum Hotel. Gegen 17:30 kamen wir beiden auf der “Furnace Creek Ranch” an und machten schon mal Quartier für die Meute, welche ca. 30 Minuten später eintraf.

Das allabendliche Duschritual war an diesem Tag besonders wohltuend. Unglaublich, welche Mengen Staub ein menschlicher Körper auf der Haut zu speichern vermag...

Für 20:00 Uhr waren wir bei “Tino’s” verabredet, einem Restaurant auf dem Gelände des Hotelkomplexes. Das Gelände war übrigens riesig. Hier gab es sogar einen Museumsbereich, in dem neben historischen Kutschen und Wagen auch eine alte Dampflok ausgestellt ist. Die Zeit bis zum Essen nutzten wir für den Einkauf von ein paar kleinen Memorabilien wie T-Shirts, Gürtel, Gürtelschnallen, Ansichtskarten usw. Auch Hermann konnte (“Nur für die Enkelchen!”) ein paar Kleinigkeiten erstehen.

Das Essen bei Tino’s war sehr gut. Während wir noch dasaßen und verdauend den Nachgeschmack auf der Zunge genossen wurden Meggi und ich angesprochen: “Ach, Familie Timmerbeil. Sie auch hier?!? Wie gefällt es Ihnen denn so in Amerika?” Als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, sich mitten im Death Valley zufällig zu begegnen setzte sich ein Arbeitskollege mit seiner Frau an den Nebentisch und überließ uns unserer Verblüffung.

Praktischerweise grenzte das Restaurant direkt an die Bar, wohin wir uns nach dem Essen umbetteten. Nach Mißbrauch etlicher Pitcher Budweiser ließ ich unvorsichtigerweise eine der Alfred-Anekdoten aus meiner Schwimmeisterzeit in die Unterhaltung einfließen. Von nun an kam ich aus dem Erzählen immer neuer Anekdoten über meinen damaligen Mitarbeiter “Atagirl-Alfred” gar nicht mehr heraus. Aber selbst Alfreds ungewollter Tollpatschigkeitenzyklus war irgendwann erschöpft. Die erzählten Witze wurden flacher, die Zunge schwerer. So verabschiedeten wir uns, um in horizontaler Stellung für den kommenden Tag zu regenerieren.

Bereits beim Betreten unseres Zimmers vernahm ich ein leises Quietschgeräusch, welches ich zunächst einem der durchs Zimmer laufenden Rohre zuordnete. Nachdem dieses Geräusch sich als zyklisch wiederkehrend erwies wurde es störend. Also machte ich mich auf die Suche nach der Ursache. Schon bald war die ungefähre Stelle ausgemacht, von der das Geräusch ausging: das Waschbecken. Nun geben durchschnittliche Waschbecken, zumindest die mir bekannten mitteleuropäischen, seltenst zyklisch wiederkehrende Quietschgeräusche von sich. Auch bei den amerikanischen Abarten hatte ich ein solches Verhalten noch nicht beobachten können. Zu sehen war nichts Außergewöhnliches. Laufenlassen von heißem wie auch kaltem (na ja, kalt?) Wasser brachte keine Änderung.

Wo hatte ich ein ähnliches Geräusch schon einmal gehört? Ja sicher: in Griechenland! Dort gab es keine Nacht, in der nicht jene kleinen Tierchen, welchen die Mexikaner sogar ein weltbekanntes Lied widmeten, mit ihrem Lärm die wohlverdiente Nachtruhe harmloser Touristen störten - Tsitsikas oder, wie sie im Spanischen heißt, la Cucaracha! Eine Grille war es, die sich unterm Waschbecken versteckt hatte. Wie der Monteur sich unter das defekte Auto legt, so schob ich mich rücklings unter die Installationen. Obwohl ich das Becken Zentimeter um Zentimeter ableuchtete konnte ich den Störenfried nicht entdecken. Es mußte eine andere Lösung her. Ans Schlafen war bei diesem nervigen Geräusch überhaupt nicht zu denken.

Nun ist der Mensch ja erfindungsreich, wenn es um das Ersinnen von Möglichkeiten geht, anderen Lebewesen das Leben schwer zu machen. Jetzt sollte Meggis Nikotinsucht der Schlüssel zu unserem erholsamen Schlaf werden. Schnell eine Zigarette im Aschenbecher zerbröselt, den Tabak zu einem Häufchen aufgeschichtet und angezündet. Es räucherte heftig; und das sollte es schließlich auch. Ich stellte das Räucherfaß unter das Waschbecken und wartete auf die Grille. Irgendwann würde sie schon mit weißer Fahne und hustend erscheinen um Friedensangebote zu machen. --- Weit gefehlt. Lediglich die Frequenz ihres akustischen Störfeuers erhöhte sich. Haben Insekten eigentlich kein Flimmerepitel, welches beim Ausgeräuchert-werden zu Hustenanfällen reizt?

Um ca. 2:30 gab ich auf. Der Klügere gibt halt nach... Und, als habe sie nur darauf gewartet, beendete auch die Grille ihr Konzert.

 

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Mi., 13.9.  -  Ziel: Mammoth Lake  -  Tagesmeilen: 213 (343 km)

Um 8 Uhr machten wir uns auf (“Aus gegebenem Anlaß weisen wir darauf hin, daß...”), das “Tal des Todes” zu verlassen. Gegen 8:30 wurde in Coyote getankt. Danach ging’s weiter nach Lone Pine, wo wir erneut tankten und eine größere Pause einlegten. Im Shop entdeckte ich ein Päckchen “Baking Soda”, welches ich umgehend zusammen mit einer kleinen Bürste erstand, da meine Silbersachen bei dem in dieser Hitze unvermeidlichen Schwitzen ziemlich angelaufen waren und der Reinigung bedurften. Beim Bezahlen an der Kasse entdeckte ich ein “Leatherman Tool”, ein Kombiwerkzeug, welches mir bereits in Deutschland immer mal wieder ins Auge gestochen war, das ich mir aber wegen des relativ hohen Preises immer wieder verkniffen hatte. Hier gab es sogar die große Ausführung, die ich noch gar nicht kannte, zu etwa dem halben Preise wie bei uns zu Hause. Wie hätte ich da widerstehen können!?!

In der Vitrine unter der Kasse war ein unglaubliches Sammelsurium aller möglichen Verkaufs- und Ausstellungsstücke zu bewundern. Der Besitzer sammelte offensichtlich Polizeiabzeichen. Sogar etliche Insignien aus verschiedenen deutschen Bundesländern tummelten sich dort. Mitten dazwischen ein bunt angemaltes Stück grauer Beton mit einem Schild dran “painted piece of the wall in Berlin (west)” (Ob’s wohl auch ein Pendant mit “east” dazu gibt?). Auf der Platte darunter verschiedene Pistolen und Revolver. Eine belgische FN für 35$, hätte mir gut gefallen, wären da nicht Komplikationen beim Zoll zu befürchten gewesen. In Arizona ist der freie Umgang mit Waffen ganz natürlich. Überall werden Waffen angeboten, an Tankstellen, in Supermärkten und, wie man munkelt, vereinzelt sogar in speziellen Waffengeschäften.

Jeder fand in diesem Laden etwas für das leibliche Wohl und wohl auch das eine oder andere Andenken. So konnte auch Hermann (“Nur für die Enkelchen!”) ein paar Kleinigkeiten erstehen. Mich verblüffte Hermann mit der hingeworfenen Bemerkung “Ich fühle mich so einsam im Sattel...”. Während ich noch überlegte, wie er das wohl meinen könne, ergänzte er “...seitdem mein Pferd tot ist.!”, und amüsierte sich köstlich über mein anfänglich wohl ziemlich dummes Gesicht. Wir haben viel zusammen gelacht. Hermann war eine Frohnatur, mit der man viel Spaß haben konnte.

Um 13:30 machten wir eine kurze Rast beim Burger King in Bishop; gegen 15:30 kamen wir in Mammoth Lake, unserem heutigen Etappenziel an. Vom Balkon unseres Hotelzimmers hatten wir einen schier atemberaubenden Blick auf schneebedeckte Gipfel, auf die eine Gondelbahn und mehrere Skilifte hinauf führten. Die Gondelbahn schien sogar in Betrieb zu sein. Also sputeten wir uns und erreichten tatsächlich kurz vor dem Schließen noch eine Gondel, die uns auf den Gipfel bringen sollte. Unterwegs wurde unser Fahrzeug noch auf ein zweites Seil umgehängt, welches uns dann endgültig auf den Gipfel, auf eine Höhe von 10.056 ft (3369 m) hochschaukelte.

Oben genossen wir die Aussicht, wobei wir peinlichst darauf achteten, immer respektvollen Abstand von den Steilhängen zu halten. Später erfuhren wir, daß Frank sich hier oben ein Mountain-Bike geliehen hatte, um damit wieder hinunter zu fahren. Wir hätten uns nicht einmal zu Fuß diesen “Weg” hinunter getraut, der da als “Kamikaze-Tour” und “noch gefährlicher als Rauchen” ausgewiesen war.

Es war schon faszinierend hier oben; und kalt war es. Noch vor wenigen Stunden waren wir im Death Valley bei 47° im Schatten gestartet. In Mammoth Lake betrug die Temperatur 13°, und hier oben war es bestimmt noch um einiges kälter. Bei der Talfahrt kamen uns einige andere aus der Gruppe in ihren Gondeln entgegen. Sie hatten wohl gerade noch die allerletzte Gelegenheit an diesem Tag erwischt.

In dem Laden im Hotel erstanden wir die obligatorischen T-Shirts. Auch Hermann erstand (“Nur für die Enkelchen!”) ein paar Kleinigkeiten. Der Ladeninhaber erzählte uns, daß es in der Gegend noch recht viele Bären gebe. In der letzten Nacht habe ein Schwarzbär sogar die Lobby des Hotels heimgesucht gewesen. Jetzt verstand ich auch das Papier, welches ich auf dem Hotelzimmer vorgefunden hatte und in dem genau erklärt wurde, wie man sich verhalten solle, falls man einem Bären begegnet.

Vor dem Essen trafen wir uns noch auf der Terrasse der Hotelbar. Drinnen durfte nicht geraucht werden. Außerdem begann gerade ein Alleinunterhalter sein Equipment aufzubauen und seine Lieder lautstark darzubieten. Da war es draußen einfach angenehmer. Hermann nahm alle herumliegenden Fotoapparate an sich, um die gemütliche Runde auf alle nur verfügbaren Filme zu bannen.

Das Essen im hoteleigenen Restaurant war herausragend gut. Ich vertilgte mein Lemon Chicken mit Genuß. Das Ambiente war rustikal vornehm. Einige von unserer Gruppe hatten beschlossen, im benachbarten “The Yodler” original Wiener Schnitzel zu essen. Nach dem Essen trafen wir uns dann noch auf ein paar Schluck in der Hotelbar wieder. Der lärmende Barde gab glücklicherweise kurz nach unserem Eintreffen seine ohrenschädigenden Bemühungen auf, so daß eine Unterhaltung an den Tischen wieder möglich wurde.

 

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Do., 14.9.  -  Ziel: Mariposa  -  Tagesmeilen: 195 (314 km)

Wecken 6:45Abfahrt 8:30

Um 6:45 war die Nacht schon wieder zu Ende, denn um 8:30 sollte es weitergehen (“Aus gegebenem Anlaß weisen wir darauf hin, daß...”). Unser erstes Ziel, den Yosemite-Nationalpark, erreichten wir so gegen 12 Uhr. Eine halbe Stunde später gab’s die erste Tankpause im Park. Meggi nutzte die Gelegenheit, unterstützt durch Martin, der sich mit dem amerikanischen Telefonsystem bestens auskannte, und verblüffte meine liebste Schwiegermutter durch einen Anruf.

Günter, der inzwischen auf eines der Moppets gewechselt hatte, langweilte sich offensichtlich, da er die folgende Strecke bereits von seiner letzten Tour her kannte. So kam er beim Lesen aus der Hand vom rechten Weg ab. Stefan, der hinter ihm fuhr, berichtete glaubhaft, daß Günter, beide Hände wie ein Buch vor dem Gesicht, offensichtlich dem Verlauf seiner Handlinien aufmerksamer folgte als dem Straßenverlauf. Es gelang Günter nur aufgrund seiner langjährigen Motorraderfahrung gerade noch, die Maschine im “loose gravel” abzubremsen und abzuspringen. Mit vereinten Kräften wurde die ansonsten unbeschädigte Maschine wieder zurück auf die Straße gehievt.

Währenddessen waren wir (wieder einmal) ein wenig vorausgefahren. Als ich plötzlich nach einer leichten Kurve kein Moppet mehr im Rückspiegel sah, verlangsamte ich und hielt an der nächsten geeigneten Stelle, die leider auf sich warten ließ, an. Ein Auto kam heran und fuhr ebenfalls auf den Seitenstreifen. Der Fahrer informierte uns, daß sich hinter uns ein schwerer Motorradunfall mit bestimmt etlichen Verletzten zugetragen hätte. Ein Motorrad sei gar den Abhang hinuntergestürzt. Ich bat den Autofahrer, den noch vor uns befindlichen Fahrern ebenfalls Bescheid zu geben und wendete, um möglicherweise Hilfe zu leisten. Hinter jeder Kurve erwartete ich die Katasrophe - als mir plötzlich die vermißten Motorräder entgegenkamen. Günter breit grinsend voran. Für den Autofahrer hatte alles wohl viel schlimmer ausgesehen, als es wirklich gewesen war. Verwirrt aber erleichtert wendeten wir wieder und folgten dem vorausfahrenden Tross.

Gegen 17:00 kamen wir nach längerer Tour durch bewaldetes Gebiet bei den Sequoias an, die wir ob ihrer Größe angemessen bewunderten. Meggi drückte mir den Fotoapparat in die Hand (“Du weißt doch, daß ich da nicht hochgucken kann ohne schwindelig zu werden.”) und ich schoß die üblichen Pflichtfotos. Amüsiert stellte ich dabei fest, daß ich neben den Sequoias richtig schlank wirkte.

Um 18:50 erreichten wir Mariposa, unser heutiges Etappenziel. Abends war vor dem Essen eine halbstündige Wartezeit totzuschlagen, da das von uns auserkorene Lokal noch nicht genügend Plätze frei hatte. Es erwies sich als praktisch, daß direkt gegenüber ein Silberschmuckladen noch geöffnet hatte. So füllten wir nach bewährter Manier die Zeit dadurch aus, daß wir ein paar kleine Erinnerungsgegenstände wie Gürtelschnallen, Ohrringe, Boloties usw. erwarben. Auch Hermann erwarb (“Nur für die Enkelchen!”) ein paar unbedeutende Kleinigkeiten. Ich klärte die Besitzerin des Ladens noch darüber auf, daß ihr Name aus dem Jiddischen komme und übersetzt soviel wie “Unglück” bedeute. Jetzt werde ihr auch klar, wieso der Laden in der Nacht zuvor völlig ausgeraubt worden sei, erwiderte sie. Tjä, nomen est omen, wie wir Breitspurhumanisten zu sagen pflegen.

Das Warten sollte sich gelohnt haben. Das Essen stellte sich als äußerst wohlschmeckend heraus. Ich aß Huhn in Honig-Marinade und Meggi vernichtete genußvoll das ihr offerierte Steak. Dazu trank ich ein Schwarzbier, auf das die Amerikaner zu Recht ziemlich stolz zu sein schienen: ein Samuel Addams, liebevoll “Sammy” genannt. Dieses Bier wird, im Gegensatz zu den meisten anderen einheimischen Sorten, nicht aus Reis gebraut sondern wird nach dem deutschen Reinheitsgebot für Bier hergestellt. Hinderlich beim Brauen eines “anständigen” Bieres will mir die durch die amerikanische Gesetzgebung festgeschriebene Höchstgrenze für den Alkoholgehalt bei Bier von 3% erscheinen. Beim Budweiser wird dieser Grenzwert offensichtlich noch deutlich unterboten...

 

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Fr., 15.9.  -  Ziel: San Francisco  -   Tagesmeilen: 198 (319 km)

Wecken 6:00Start 7:00 (ohne Frühstück)

Um 8:15 trafen wir mit knurrendem Magen in Coulterville ein. Ein großes Schild über der Tür des “Coulter’s Café” versprach unter anderem “Breakfast”. Frank eilte hinein, um sich zu erkundigen, ob wir hier das Loch im Magen gestopft bekämen. “How many persons?” “Fourteen.” Fourteeeeen??? - Jesus!” Aber irgendwie schaffte die Wirtin es trotzdem, uns abgefüttert zu bekommen. Zu meiner großen Freude gab es hier sogar ein T-Shirt mit der Aufschrift  “Main-Street-Plaza - Why go anywhere else?” mit Abbild des Cafés zu kaufen. Wir komplettierten folglich unsere Sammlung. Obwohl ich die Frage auf dem T-Shirt mühelos hätte beantworten können, verzichtete ich doch aus Höflichkeit darauf hinzuweisen, daß es schließlich weit und breit keine Alternative gibt.

Gestärkt ging es weiter. Nach dem Tanken in Oakland näherten wir uns San Francisco jetzt unaufhaltsam. Und da war sie, die Brücke. Meggi knipste wie wild hinter mir herum --- bis sie ‘rausfand, daß es sich bei der Brücke vor uns gar nicht um die Golden Gate Bridge handelte sondern um die St. Josephs-Brücke, die wir benutzen mußten, um wie geplant über die Golden Gate Bridge nach San Fran einzufahren. Schließlich kam auch die ersehnte Brücke in Sicht. Kurz vorher bogen wir rechts ab, um an einem Aussichtspunkt Stop zu machen, von dem aus man die weltberühmte Brücke sehr schön sehen und fotografieren konnte. Eine weiße Stretchlimousine, die sich anschickte, auf dem Parkplatz anzuhalten, zog mein Interesse auf sich. Bei der Unterhaltung mit dem Chauffeur stellte sich heraus, daß man diese Autos incl. Fahrer leihen konnte. “Die wirklich Reichen fahren einen Sedan!” klärte mich der Fahrer auf. So sei auch er von den beiden Fahrgästen nur für zwei Stunden gemietet. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich ja noch nicht, daß ich eine solche Stretchlimousine in wenigen Stunden sogar von innen kennenlernen sollte.

Dann ließen wir die Motoren wieder an und fuhren über die Golden Gate Bridge nach San Francisco hinein. Meggi setzte ihre Knipsorgie auf dem Rücksitz (Wir Rocker nennen diesen Platz auch “Tortenmulde”) fort. Sogar eine Cable-Car kam ihr vor die Linse und wurde umgehend auf Zelluloid gebannt. Die Straßen wurden immer etwas steiler und erforderten schließlich meine volle Aufmerksamkeit. Meggis Knipstiraden verebbten auch langsam. Und dann kam die Lombard-Street. Im 45°-Winkel aufwärts - und die Ampel zeigte rot. Sicher darf man auch bei Rot in Amerika rechts abbiegen; aber nur dann, wenn man ganz sicher ist, daß die Kreuzung auch wirklich frei ist und man niemanden durch das Abbiegen behindert. Und dazu hatte ich wahrlich keine Hand, keinen Fuß und kein sonstiges Körperteil frei. Unsere E-Glide rutschte langsam, aber stetig, zurück. Also legten Meggi und ich uns möglichst weit nach vorne, um einen Teil unseres Gewichtes auch auf das Vorderrad zu verteilen und so die Reibung vorne zu erhöhen. Es half wirklich; die Maschine (350 kg plus wir beiden) kam zum Stillstand. In der Sitzposition von geschlechtsreifen Kaninchen warteten wir auf die Grünphase. Ich hätte nicht gedacht, daß es wirklich alle sieben Maschinen schaffen würden, an dieser extremen Steigung anzufahren und dabei sogar noch gleichzeitig das Rechtsabbiegen zu meistern. Aber es klappte.

Um 14:30 erreichten wir unser Hotel. Nach längerer Einfahrprozedur in die Tiefgarage konnten wir endlich die Moppets parken. Leider konnten wir die Zimmer erst ab 15:00 beziehen. In einer halben Stunde ließ sich nix Gescheites anfangen, also vertrödelten wir diese Zeit, indem wir laaaangsam unsere Koffer in die Empfangshalle brachten. Nach dem täglichen Duschritual nutzten wir die Zeit, um ein wenig die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Wir gingen zu Fuß in Richtung Cable-Car. Dabei durchschritten wir eine Straße, auf der sich viele malerische Typen herumtrieben. Wir wurden mehrfach angesprochen und um ein paar Dollar gebeten. Aber trotz negativer Antwort von uns blieben die Burschen weiterhin freundlich. Wir fühlten uns, obwohl weit und breit kein Polizist zu sehen war, niemals bedroht. Ein rastalockiges Original, dem ich zulächelte, rief uns noch minutenlang lautstark hinterher: “Your smile makes me so happy!”

Ein paar Blocks weiter kreuzten die Schienen der Cable-Car unseren Weg, und wir machten uns auf die Suche nach einer Haltestelle. Kurz darauf erschien das erwartete Fahrzeug und wir bekamen tatsächlich direkt die beiden letzten freien Plätze. Sogar auf dem vorderen Trittbrett! Der Traum eines jeden Cable-Car-Fahrgastes. Natürlich fuhren wir bis zur Endhaltestelle mit - wo auch immer das sein sollte. So erreichten wir nach genußvoller Fahrt irgendwann Fischerman’s Wharf mit seinen Verkaufsständen und -läden. Ein Blick auf die endlose Schlange, die darauf wartete, in einer der nächsten Cable-Cars einen Platz zu erheischen ließ uns schon ahnen, daß wir ein anderes Verkehrsmittel für die Rückfahrt wählen sollten.

Zielsicher steuerten wir in einen Laden, der indianischen Silberschmuck feilbot. Verblüfft stellten wir fest, daß vergleichbare Stücke hier, an einem Touristenzentrum, wesentlich preiswerter angeboten wurden als in allen uns bekannten Läden zuvor. Natürlich nutzten wir diese Chance und erstanden ein paar Kleinigkeiten. So erhielt Meggi die schon lange sehnlichst gewünschte Zuni-Gürtelschnalle und ein paar Hopi-Ohrringe.

Unser leibliches Wohlergehen stellten wir im benachbarten amerikanischen Spezialitätenrestaurant (das mit dem gelben “M” im Wappen) wieder her.

Ein Taxi, wie ich es bislang nur aus dem Kino oder aus Romanen kannte, fuhr uns zum Hard Rock Café. Einfach alles paßte ins Klischee: Der Fahrer war ein älterer Chinese namens Wang; die Federung des Yellow Cab war weicher als ein Wattebausch; die Sitze waren so durchgesessen, daß Meggi und ich direkt bis zum Bodenblech durchsackten. So ächzte der Wagen mühevoll die Steigungen hoch, schaukelnd wie ein Kirmespferd. Im Hard Rock Café erstanden wir die notwendigsten Kleinigkeiten wie T-Shirts, Zippos und eine Jeansjacke für Meggi. Die erste Jeansjacke ihres Lebens.

Von hier aus waren es nur noch zwei Blocks bis ins Hotel, wo wir an der Bar noch ein Bierchen schlabberten. Rundherum nuckelten die versammelten Nikotinsüchtigen an ihren übelriechenden Glimmstengeln. Um die Luft ein wenig mit Aroma anzureichern, machte ich mir eine Pfeife an - und wurde umgehend vom Barkeeper darauf hingewiesen, daß das Rauchen von Pfeifen oder Zigarren leider nicht gestattet sei. So schön Kalifornien auch ist - mit der restriktiven Rauchgesetzgebung habe sogar ich als Gelegenheitsraucher meine Probleme. Also zogen wir uns auf unser Zimmer zurück, wo ich mein Pfeifchen schmauchend genoß. Dann bereiteten wir uns auf den Abend vor, indem wir uns ein wenig sorgfältiger stylten als sonst abends.

Die Tourguides hatten uns etwas Besonderes in Aussicht gestellt, jedoch nicht verraten, was sie mit uns vorhatten. Wir möchten aber bitte unbedingt pünktlich um 8 Uhr In der Hotelhalle sein. Kurz nach Acht rollten zwei weiße Stretch-Limousinen vor. Wir begriffen erst gar nicht, daß diese für uns bestimmt waren. Dann genossen wir diesen Gag jedoch sehr. Die Nobelkutschen brachten uns ins Hotel Fairmont, jenes Hotel, in dem die Fernsehserie “Hotel, Hotel” gedreht wurde. Wir sollten noch keine Zeit zum Luftholen bekommen. Mit dem gläsernen Aufzug ging’s aufwärts ins oberste Stockwerk. Schon die Auffahrt in die vorbeihuschenden Wolken war ein Erlebnis. Oben waren im Crown-Room Tische reserviert. War schon der Ausblick atemberaubend, so war es das Büfett erst recht. Schon der graved Lachs war ein Gedicht. Dann die Clam Chowder - göttlich. So probierten wir von diesem, naschten an jenem, und waren begeistert. Dazu ein paar Strawberry-Daiquiri, wie ich sie in dieser Qualität noch nicht einmal vom “Juleps” in München kannte. Abschließend noch ein paar frische Erdbeeren mit Schlagsahne. Dann paßte beim besten Willen nichts mehr rein. “Lieber Gott, gib mir einen neuen Magen! Du kannst meinen Bauch dafür haben!”

Zu Fuß gingen wir zurück ins Hotel. Teils waren die Straßen so steil, daß wir uns an der Mauer festhalten mußten, um nicht auszurutschen. Die anderen wollten noch in eine Diskothek, wozu wir keine Lust verspürten. Diese Art von moduliertem Krach ist heute nicht mehr so ganz unser Geschmack. So schlenderten wir durch die uns schon vom Nachmittagspaziergang bekannte Straße zum Hotel zurück. Jetzt trieben sich hier auffällig viele, für die Jahreszeit eigentlich wesentlich zu leicht gekleidete, “Damen” herum. Wir erfuhren hinterher, daß es sich bei diesen “Damen” ausnahmslos gar nicht um Frauen gehandelt hatte. Wir waren in der Straße der Transvestiten gewesen.

Satt und müde plumpsten wir in die Koje.

 

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Sa., 16.9.  -  Ziel: St. Maria  -  Tagesmeilen: 299 (481 km)

Wecken 6:457:55 am Moppet

So gegen 9:30 Uhr meldeten unsere Tankinhalte Niedrigstand. Da direkt an der N1 keine Tankstelle zu finden war, schlugen wir uns ein Stückchen ins Binnenland. In einem malerischen kleinen Dörfchen wurden wir fündig. Ich fragte einen vorbeischlendernden Eingeborenen nach dem Namen dieses Ortes. Er blieb kurz stehen, preßte ein “Pescadero! durch den dichten, schwarzen Schnurrbart und schlenderte weiter. Plötzlich blieb er erneut stehen, drehte sich um und knurrte in hartem Englisch mit starkem spanischen Akzent: “This is spanish! In your language it means fishtown!” und setzte seinen Weg fort.

Ich nutzte die Tankpause, um ein paar schnelle Tacos reinzuschieben und ein paar Lutscher als Mitbringsel für eine Freundin und ihre Tochter, beide große Lolli-Fans, zu kaufen, die mir wegen ihrer außerordentlichen Form und Farbe ins Auge stachen.

Wieder zurück auf der N1, entlang der Küste in Richtung Süden, genossen wir das wunderschöne Panorama. Während ich die Gegend zwischen Carmel und Big Sur als schönste der gesamten Reise einstufte, schwankte Meggi noch, ob ihr die Gegend hier oder die Strecke  durch die Mojave-Wüste in Richtung Arizona besser gefiele. Gegen 15 Uhr passierten wir Lucia. Schon seit geraumer Weile konnten wir das Phänomen beobachten, wie sich Wolken bilden. Die warme Luft von Süden strich hier über das sehr kalte Wasser und bildete dabei dichte Wolken, die aus dem Meer aufstiegen und die parallel verlaufende Straße einhüllten. Dadurch war es recht kühl und feucht. Aber der Anblick machte das klamme Gefühl mehr als wett.

Beim Passieren einer Ortschaft sehe ich, wie sich ein Kleinlaster anschickt, von links in die N1 einzubiegen. Er zieht langsam, aber stetig auf die Straße. Ich hupe prophylaktisch schon mal und nehme Gas weg. Er erreicht die Mittellinie - und tuckert ohne anzuhalten einfach weiter. Ich habe sicherheitshalber schon mal auf die rechte Spur gewechselt. Als ich auf ca. 70 mph verlangsamt habe (Jaja, ich war schon etwas schnell - für amerikanische Verhältnisse) ist er direkt neben mir. Jetzt endlich bemerkt er, daß er sich nicht alleine auf der Straße befindet ...und zieht nach rechts. Mir bleibt nur, mir eine halbwegs geeignete Stelle zu suchen, um in den “loose gravel” zu wechseln und zu hoffen, daß die Maschine mit Meggi und mir drauf ohne mein bremsendes Zutun in dem Geröll von selbst so stark abgebremst wird, daß wir nicht in den Abgrund daneben zum Strand runtersausen. Bei ca. 25 mph wird die Maschine endlich wieder lenkbar. Meggi sitzt zum Glück ganz ruhig und eng hinter mir. Ich lenke vooooorsichtig nach links, gen Straße und halte das Tempo und suche eine Stelle, wo die Kante zur befestigten Straße nicht gar so hoch ist. Wider jegliche Wahrscheinlichkeit klappt das Manöver. Zurück auf der Straße überhole ich den LKW, der inzwischen im Standgas weitergetuckert ist und will den Fahrer zur Rede stellen, als ich seinen knallroten Kopf, die herausquellenden Augen und die schneeweißen, verkrampften Fingerknöchel am Lenkrad sehe. So lasse ich ihn ziehen und fahre, bewußt ohne Stop, bis zum nächsten Rastplatz zügig weiter. Ich war mir nicht sicher, ob ich wieder aufgestiegen wäre, falls ich jetzt angehalten hätte und abgestiegen wäre.

Um 17:30 erreichen wir in St. Louis Obispo “Madonna Inn”, wo wir ausgiebig Rast machen. Dieser Laden lohnt schon eine eingehende Besichtigung. Obschon kein Zusammenhang zur Popsängerin Madonna besteht, wäre eine Vermutung in dieser Richtung aufgrund der optischen Extravaganzen gar nicht so abwegig. Fiel außen nur der bunt von innen angestrahlte Springbrunnen vor der mit Schnitzereien überladenen Eingangstür auf, so wurden wir drinnen von Plüsch und ausgelutschten Bonbonfarben nur so erschlagen.

Irgend jemand bestellte sich ein Apple-Pie, also. Was da serviert wurde hatte absolut nichts mit dem gemein, was irgendwer von uns auch mit weitester Auslegung dieses Begriffes mit einem Stück Apfelkuchen in Verbindung gebracht hätte. “Was ist denn das für ein Tuntenkuchen?!?”, entfuhr es jemandem, als er dieses rosa Machwerk mit riesiger Zuckerguß-Schleife oben drauf sah.

Wir hatten den Tip bekommen, daß die Herrentoilette sehenswert sei. Also zogen wir in Grüppchen los, dieses Örtchen aufzusuchen und unsere Neugier zu befriedigen. Ja, es war wirklich ein Erlebnis. Anstelle von Urinalen prangte hier ein Wasserfall an der Wand, welcher sich einschaltete, sobald sich jemand ihm näherte. Wohl erstmalig in der Geschichte von Urlaubsfotos wurden von uns Fotos und Videoaufnahmen pinkelnder Kollegen geschossen. Selbst die Waschbecken waren nicht Standard. Sie waren aus riesigen, sogenannten Mördermuscheln hergestellt.

Martin, der auch in Stilkunde sehr fundiert zu urteilen wußte, klärte uns auf, daß es sich bei der Einrichtung dieses Hauses nicht um “Gelsenkirchner Barock” handele. Dieser extremen Stilrichtung werde eher die Bezeichnung “Walberberger Frühgotik” gerecht. Wir mußten ihm zustimmen.

Bei der Weiterfahrt fiel mir rechts des Weges ein Lokal auf, dessen Leuchtreklame die Worte “Wm. Cody” bildete. William oder “Bill” Cody war der bürgerliche Name von Buffalo Bill gewesen. Leider war nicht genügend Zeit, um schon wieder irgendwo einzukehren. So erreichten wir um 19 Uhr St. Maria, die letzte Station vor Abgabe der Moppets. Ein letztes Mal wurden die Maschinen gründlich unter Zuhilfenahme von Seil- und Bremsscheibenschlössern gesichert.

Das Abendessen nahmen Hermann, Elisabeth, Meggi und ich in dem ans Hotel angeschlossene Strawberry-Restaurant ein. Ich bestellte Fisch. Die Wirtin erklärte mir, daß sie auch sehr gerne Fisch esse (“I love fish!”), und da ich ihre Begeisterung für frischen Fisch teilte, brachte sie mir umgehend noch ein Stück als Nachschlag. Dabei schaffte ich die reguläre Portion noch nicht einmal. Während wir aßen kam Michael herein und teilte uns mit, daß es nebenan im Supermarkt unter anderem schöne und billige Harley-Tücher und T-Shirts zu kaufen gebe. Leider hatte der Laden bereits geschlossen, als ich völlig geschafft den Gedanken fallen ließ, meinen Teller vielleicht doch noch leer zu essen, damit es morgen schönes Wetter geben möge.

Auf dem Weg zum Hotel zurück entdeckte Hermann auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Geschäft, welches noch geöffnet hatte. Diese Gelegenheit, vielleicht doch noch an ein paar kleine Memorabilien zu kommen, ließ uns die Straße überqueren und einkaufen. Ich kaufte nur das Allernotwendigste, wie ein Zippo mit Budweiser-Aufdruck und eine Flasche Feuerzeugbenzin, weil meine Feuerzeuge inzwischen alle trockengelaufen waren. Auch Hermann erstand (“Nur für die Enkelchen!”) ein paar Kleinigkeiten.

Anschließend ging es umgehend in die Koje, da wir am nächsten Tag früh wieder raus mußten, um die Maschinen pünktlich um 11 Uhr, wie vereinbart, wieder beim Vermieter abzugeben.

 

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So., 17.9.  -  Ziel: Los Angeles  -  Tagesmeilen: 183 (295 km)

Wecken 6:00Abfahrt 7:00

Wir waren zwar müde - aber nicht leise. So lernten wir beim Verladen der Koffer in den Van die Zimmernachbarn kennen. Zusätzlich untermauert wurde die Geräuschorgie durch ein paar Kollegen, die ihre Moppets fürsorglich auf dem Parklatz Runde um Runde warmfuhren. Natürlich waren es just jene, welche die lautesten Maschinen fuhren. Und dann war da noch die Gruppe, welche unter Rufen, Ächzen und Fluchen versuchte, die nicht mehr elektrisch startende E-Glide von Stefan durch Anschieben in Gang zu bringen. Immer wieder blockierte selbst im zweiten Gang das Hinterrad. Das Moppet war einfach noch zu kalt. Also beschloß ich, daß ein Hinterradbeschwerer hermüsse, damit unsere konzertierte Aktion endlich von Erfolg beschieden sein könne und bestimmte auch direkt Marita als ideal geeignet für diese Rolle. Zu meiner Erleichterung klappte es jetzt wirklich; Stefans Moppet gab einen dumpfen Knall von sich und der Motor nahm widerwillig brummelnd seine Arbeit auf. Nachdem das kalte Öl ersteinmal ordentlich durchgerührt war, lief sie leidlich rund. Und Marita wurde von ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit befreit.

Da es die letzte gemeinsame Strecke sein würde, setzten wir (Josef und Marita, Stefan und Monika, Günter sowie Meggi und ich) uns nach vorne vom Tross ab, um die letzte Etappe in dem Fahrstil, der sich als der für uns angenehmste herauskristallisiert hatte, entspannt zurückzulegen. Bei der ersten Süchtelpause sahen wir Michael auf seiner Fat-Boy vorbeirauschen. Trotz Winken und Rufen bemerkte er uns nicht ...und war vorbei.

Um 9 Uhr erreichten wir Ventura. Hier verließen wir die “1” kurz, um zu tanken. Meine Erläuterungen, daß aus diesem Ort der “Ventura Publisher”, eines der bekanntesten Desktop-Programme für den PC, komme, schien die anderen nicht sonderlich mit Ehrfurcht zu erfüllen. Auch die etwas später eintreffende Gruppe zeigte sich sichtlich unbeeindruckt ob meiner Offenbarung.

Die Route führte weiter, vorbei an St. Claus, der Ausfahrt “St. Claus Lane” ...und dann erschien er selbst: Santa Claus, der Weihnachtsmann. Hausgroß thronte er auf einem solchen neben der Straße und blickte gütig schmunzelnd auf uns herab. Oh, Amerika!

Um 11:05 Uhr traf die erste Gruppe bei Eagle-Rider in Los Angeles ein. Nur 5 Minuten zu spät; kein schlechtes Ergebnis. Nur 10 Minuten später trafen auch Hermann und Elisabeth, Ute und Franz sowie der Van mit Frank und Martin ein. Jetzt fehlte nur noch Michael. Wo mochte er umherirren. Jedoch nur knapp 5 Minuten danach, um 11:20, traf auch er zur Erleichterung aller ein. Somit hatten jetzt auch die beim allmorgendlichen Briefing verteilten Streckenbeschreibungen bewiesen, daß man problemlos nach ihnen fahren konnte. Gute Vorarbeit!

2283 Meilen (Tacho beim Übernahme:15.613 - Tacho bei Abgabe: 13.330) = 3674,162031 km oder 0,000.000.000.38861 Lichtjahre hatten wir auf unseren Maschinen zurückgelegt.

Nach den Rückgabeformalitäten fuhren wir gegen 12:15 Uhr mit dem Shuttle-Bus ins Hotel, wo Meggi und ich die Koffer neu packten. Fast zwei Wochen aus dem Koffer leben hatte dessen Inhalt inzwischen derart durchgemischt, daß das Wiederfinden bestimmter Kleidungsstücke langsam zum Glücksspiel werden ließ. Außerdem mußten die unterwegs gekauften Kleinigkeiten verstaut werden. Anschließend gingen Meggi und ich noch ein wenig hinunter in den hoteleigenen Einkaufsladen, wo wir uns mit den abschließend notwendigen Kleinigkeiten eindeckten. Meggi erstand ein wunderschönes T-Shirt. Und mir gelang es, die dort ausgestellte Gürtelschnalle (Navajo, Silber mit zwei großen Türkisen) von 488 Dollar auf 179 Dollar ‘runterzuhandeln.

Dieses Schnäppchen begossen wir im Café “Strings” mit Budweiser, wozu ich ein paar Hot Wings und Meggi ein Thuna Sandwich verknispelte. Um 17:30 fuhren wir ein letztes Mal nach Venice Beach, um dort die absolut allerletzten Einkäufe zu tätigen (Ein paar Zippos sowie die obligatorischen T-Shirts).

Um 20 Uhr trafen wir, nach einer unfreiwilligen Stadtrundfahrt im Shanghai Red’s, in Fisherman’s Village ein (“Hier hättest Du links abgemußt. Macht nix, dann nimmste halt die nächste. Ach da darf man nicht? Wo sind wir denn jetzt gelandet?!? Räääächts!!! Nein, doch besser links”...). Franz genoß unsere gemeinsamen Fahrtips offensichtlich, wie man aus seinem Minenspiel und seinen Bemerkungen unschwer erkennen konnte. Wir bedankten uns bei unseren Tourguides für die hervorragende Vorbereitung und Durchführung der Tour mit ein paar kleinen Geschenken, die von unseren Mädels überreicht wurden.

Marita und Josef gelang es nicht, in den umliegenden Läden ein T-Shirt mit der Aufschrift “Route 66” aufzutreiben. Sie hatten versäumt, sich vor Ort ein solches zu besorgen.

Ute und Franz tauchten reichlich verspätet zum Abendessen auf. Ihr Leihwagen war vom Parkplatz in Venice Beach abgeschleppt worden. Als sie vom Strandbummel zurückkamen war der Platz leer, und der Parkwächter machte ihnen klar, daß die Parkgebühr von 3 Dollar vorher abzudrücken gewesen wäre. Da sie das versäumt hatten, habe er das Fahrzeug abschleppen lassen. Also durften sie die Parkgebühr nachzahlen (3 $), mit dem Taxi zum Abschleppunternehmer fahren (15 $) und das Abschleppen bezahlen (85 $). Ein teurer Nachmittag für die beiden.

 

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Mo., 18.9., Ziel: Good ol’ Germany

Als Meggi und ich am nächsten Morgen um 10:00 Uhr den Frühstücksraum betraten, war das Frühstücksbüffet just im Moment beendet worden und wurde abgebaut. Zum Glück gab es Frühstück a la cart, so daß Meggi ihren Frühstückskaffe doch noch bekam, ohne den sie den ganzen Tag ungenießbar zu sein pflegt. Ich entschied mich für ein “All American Breakfast”, Meggi wählte ein “Continental Breakfast” Das “kontinentale” Frühstück entpuppte sich als zwei diagonal durchgeschnittene Scheiben Toast und Butter. Ich versäumte zu meinem nachträglichen Bedauern nachzufragen, welcher Kontinent denn, nach Meinung der Hotelführung, ein solches Frühstück als spezifisch für das Land einstufen würde. Um wenigstens einen annähernden Sättigungsgrad zu erzielen, bestellte Meggi sich in Nachahmung Frankscher Unsitten abschließend noch ein süßes Teilchen.

Am Nebentisch hatten inzwischen Günter und Frank platzgenommen und sorgten dort kaffetrinkend für Milchknappheit im Lokal..

Um 13:30 fuhr uns der Shuffle-Bus zum Airport, wo wir um 15:25 gateten. Dort lernte ich, kurz vor der Landung dann doch noch die Toiletten eines Interkontinentaljets kennen (“Der Mensch in seinem dunklen Drange...”, wie Goethe seine Faust es formulieren läßt.) . Unglaublich, wie eng man ein solches Kabinett gestalten kann. Mit der normalen Wischtechnik kam ich hier nicht weiter; eine neue Abwischtechnik mußte her. Unter Ausnutzung jeden Kubikmillimeters dieses Kabinetts und Unterstützung diverser Griffe und Vorsprünge zum Verlagern meines Corpus Delicti zwecks Reinigung der hinteren Partie gelang das Kunststück dann schließlich doch noch mit befriedigendem Ergebnis. Puh! Jetzt hatte ich endlich eine Vorstellung davon, wie einer Ölsardine in ihrer Dose zumute sein mußte. Und die brauchte noch nicht einmal solche akrobatischen Kunststückchen zu vollbringen, wie ich gerade eben.

Nach der Ankunft in Frankfurt meldete sich mein Darm schon wieder. Also machte ich mich umgehend auf die Suche nach einem “Restroom”. Als erstes stellte ich fest, daß diese Institutionen wieder ganz normal “WC” hießen und keine verschämte Umschreibung mehr nötig war. Dann diese Weite innen drin, die ein Abwischen ohne Akrobatik zuließ. Ganz anders als im Flieger. Und zu guter letzt dann noch das DIN-gerecht genormte Toilettenpapier, welches sich blind, in zigtausend Mal geübter, flüssiger Bewegung, blind in der richtigen Länge entlang der Perforation abreißen ließ. Kein mühseliges Abmessen der gewohnten Länge und aufwendiges Suchen der naheliegendsten Abrißlochung mehr, wie “drüben”, in Amerika. Hurra! Deutschland hatte mich wieder!

Um 15:00 Uhr, an der Zollkontrolle im Flughafen Köln/Bonn durften wir dann feststellen, daß aus unserer aufgegebenen Reisetasche diverse Sachen fehlten. 6 Zippos waren uns gestohlen worden. Michael fehlte eine Jeans und die Akkus aus dem Videorecorder; bei Frank fehlen 4 teure Sonnenbrillen.

Den finanziellen Schaden ersetzte uns die LH umgehend; unser Angebot, schnell noch einmal hinzufliegen, um die entsprechenden Zippos aus LA und Yosemite zu besorgen, wurde leider abschlägig beschieden. Aber bedauert wurden wir, da die Dame am Schalter der LH ebenfalls Zippos aus den verschiedenen Hard Rock Cafés sammelt und den herben Verlust nur allzu gut verstehen konnte. Wie tröstlich.

Resümee: Es war eine tolle Reise. Wir werden noch lange brauchen, bis wir die letzten Eindrücke verarbeitet haben werden. Wir waren eine tolle Crew, mit der es Spaß gemacht hat. Wir werden bestimmt wieder rüberfliegen; der Virus Americanus hat uns voll erwischt.

 

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